90 Jahre Siedlung Wensenbalken in Hamburg-Volksdorf

 Teil 6 - Wensenbalkener Köpfe - Rudolf Roß

  Exemplarisches aus dem "WENSENBALKEN-ARCHIV"
  ein Beitrag von Jens Koegel

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WENSENBALKENER KÖPFE

6. Rudolf Roß (1872 -1951)

Nicht nur Künstler, Sprecher und Medienpersönlichkeiten lebten in der Siedlung Wensenbalken, sondern neben einem Senator a.D. auch ein 1. Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg - eben Rudolf Roß.

Roß' Lebensweg stellt sich als klassische sozialdemokratisch geprägte Entwicklung eines sich aus bescheidensten Umständen hocharbeitenden und begabten Menschen dar. Roß wurde im Gängeviertel der Hamburger Neustadt geboren und verlor früh seine Eltern. Nach Besuch der Volksschule und dem erfolgreichen Abschluß des Lehrerseminars in der ABC-Straße wurde er 1892 Lehrer an der Schule Poolstraße in Hamburg-Altona. Durch seine Lebensumstände geprägt waren ihm schon früh „Volksbildung" ein Leitstern seiner politischen Arbeit und Überzeugung. 1919 wurde er für die SPD in die Hamburger Bürgerschaft gewählt, der er bis 1933 angehörte. Von 1920 bis 1928 wirkte Roß als Bürgerschaftspräsident und war zudem ebenfalls bis 1928 Leiter der Hamburger Volkshochschule. Daneben gab er die Zeitschrift „Pädagogische Reform" heraus. Seit 1928 war Roß Mitglied des Koalitionssenats mit der DDP (Deutsche Demokratische Partei) und stieg durch ein Rotationsverfahren vom Januar 1930 bis Dezember 1931 in das höchste politische Amt dieser Stadt auf. Roß fungierte auch 1933 als 2. Bürgermeister, nachdem Hitler am 30. Januar 1933 Reichskanzler geworden war, und die NSDAP in den folgenden Wochen und Monaten die demokratischen Institutionen der Weimarer Republik zu zerschlagen begann. Als sich die Hamburger SPD im März 1933 weigerte, die Zeitung „HAMBURGER ECHO" zu verbieten, traten die sozialdemokratischen Senatoren auf Grund des massiven politischen Druckes zurück. Das „HAMBURGER TAGEBLATT", das rüdeste Sprachorgan der hiesigen Nazis, titelte am 3.März 1933 „SPD Senatoren abgetreten", um in dem folgenden Artikel weiter zu hetzen „Niemand weint den Fahnenflüchtigen eine Träne nach...es handelt sich um die Genossen Roß, Schönfelder, Krause."

wensenbalken-52-ross1940 zog Rudolf Roß mit seiner Frau und 2 Kindern in eine Reichsheimstätte der Siedlung Wensenbalken, wo er bis zu seinem Tode lebte. Es gab kaum Außenkontakte, denn die Familie Roß hatte Angst, vor allem Frau Frieda. Sie schärfte ihrem Sohn ein, auf jedes Wort zu achten. Auch verbot sie ihm Kontakt mit Personen, die als überzeugte Nazis bekannt waren. So wohnte z.B. in unmittelbarer Nachbarschaft der Reichsleiter B. als Geschäftsführer des oben zitierten „Tageblatts". Die Gestapo kannte selbstverständlich Rudolf Roß und ließ sein Telefon überwachen. Zweimal, nämlich 1938 und 1943 riefen alte Genossen bei Roß an, weil jemand aus der Partei gestorben war, und baten ihn, eine Grabrede zu halten. Zwar ergriff Roß 1943 am Grabe seines ehemaligen politischen Weggefährtens und persönlichen Freundes, des einstigen Schulsenators Emil Krause, noch einmal öffentlich das Wort und würdigte – von der Gestapo beobachtet – die Leistungen des Verstorbenen. Aber sowohl 1938 als auch 1943 rief die Gestapo vorher bei ihm an und teilte ihm mit, er habe das Redemanuskript vorzulegen und müsse sich strikt an den Text halten, sonst „brauche er gar nicht mehr nach Hause zu gehen".

Die Angst der Familie Roß war also in der Tat nicht unbegründet und nicht umsonst heißt es in dem umfangreichen Werk „Hamburger Persönlichkeiten von A – Z" über den ehemaligen 1. Bürgermeister Hamburgs „Nach seiner Amtsenthebung 1933 zog R. Roß sich in den Kreis der Familie zurück; die Öffentlichkeit nahm keine Notiz mehr von ihm."

1948 wurde ein Dampfer in den Dienst der HADAG gestellt, der den Namen „Bürgermeister Roß" trug. Dr. W. Dudek ehrte als Vorsitzender der HADAG den Namensgeber mit den Worten:
„Wir tragen damit nur einen kleinen Teil der Dankesschuld ab, die die Hansestadt Hamburg ihrem alten Bürgermeister Rudolf Roß schuldet. Möge das neue Motorschiff „RUDOLF ROSS" viele Jahre hindurch werktätige Männer und Frauen sicher durch Wind und Wetter zur Arbeitsstätte und zurückbringen, zum Segen der Wirtschaft Hamburgs, der Stadt, für die Rudolf Roß als kluger Volkserzieher und weitblickender Staatsmann so erfolgreich jahrzehntelang schuf und wirkte."

Rudolf Roß starb nach langer Krankheit am 16. Februar 1951. Die Trauerrede hielt der damalige 1. Bürgermeister, Max Brauer.

 

(Fotos: Wensenbalken Archiv mit Genehmigung der jeweiligen Rechteinhaber)

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