Das Walddörfer Gymnasium - die Entwicklung

  Die Rede zum 75-jährigen Bestehen der Schule ...

 

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Das Walddörfer-Gymnasium - damals und heute, Ausschnitte aus der Vergangenheit und der Gegenwart. Die Rede des langjährigen Schulleiters Jürgen Fischer zum 75-jährigen Jubiläum der Schule. Wir bedanken uns ganz herzlich bei Jürgen Fischer dafür, dass wir diese Rede, die Heiteres und Besinnliches aus der Geschichte der Schule aufführt, hier veröffentlichen dürfen.

Begrüßungsrede des Schulleiters beim Festakt zum Schuljubiläum

„75 Jahre Walddörfer-Gymnasium“ am 23.9.2005

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

liebe Schülerinnen und Schüler, heutige und ehemalige,

sehr geehrte Eltern, insbesondere Cafeteriamitarbeiterinnen und Elternvertreter,

heutige und ehemalige,

liebe Partner von den Kirchengemeinden,

sehr geehrte Vertreter der Parteien bzw. Fraktionen,

liebe Partner von der Hamburger, der Volksdorfer Polizei,

sehr geehrter Herr Fuchs, Leiter des BA Wandsbek,

sehr geehrte Frau Sterra, Leiterin des Ortsamtes Walddörfer,

liebe Gäste von unseren Partnerschulen in St. Petersburg und in Shanghai,

liebe Kollegen von der Bildungsbehörde,

sehr geehrter Herr Staatsrat Dr. Schmitz,

liebe Schulleiter-Kollegen, Mitglieder unseres Lehrerkollegiums,

heutige und ehemalige,

verehrte Gäste von der Presse,

sehr geehrte Gäste aus dem großen Kreis derjenigen, die durch sachliche, finanzielle, kommunikative und tatkräftige Unterstützung unsere Jubiläumsveranstaltungen in der vorgesehenen Weise ermöglicht haben,


ich begrüße Sie herzlich zu dieser Feier, mit der wir die Jubiläumswoche eröffnen wollen. Das Walddörfer-Gymnasium ist 75 Jahre alt geworden und hat, wie wir finden, deshalb Grund für einige Festtage, in denen sich diese historische Spanne eines nicht gerade undramatischen Dreivierteljahrhunderts und die Schulgegenwart begegnen mögen.

Ich zitiere aus einer Schülerarbeit, die in Klasse 10 vor wenigen Monaten entstanden ist:

„Der Tag war weiter vorangeschritten, als Reichskanzler Brüning im Berliner Reichstag an das Rednerpult tritt und gegen 11.00 Uhr das Plädoyer zum Thema „Deckungsvorlagen der Arbeitslosenversicherung“ beginnt, ein wahres Streitthema kurz nach Ausbruch der Weltwirtschaftskrise 1929, in einer Republik, in der an die 20% aller Erwerbsfähigen keine Arbeit finden, in einem Land, in dem  mindestens 10% unter der Armutsgrenze leben. Der Reichskanzler Brüning von der katholischen „Zentrumspartei“ schlägt vor die Industrie zu entlasten und fast die gesamte Vorsorge auf die Schultern der ohnehin gebeutelten Arbeitnehmer abzuladen, wobei fast alle Ersparnisse in Form von Geld „auf der hohen Kante“ in der Bankenkrise 1929/30 vernichtet worden waren, so dass die Arbeitnehmer häufig komplett auf die staatliche Vorsorge angewiesen waren. Die Gewerkschaften versuchten an diesem Tag einen Generalstreik ins Leben zu rufen, der jedoch an der Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes scheiterte, denn im Deutschland dieser Zeit gab es häufig um die 50 Bewerber für einen einzigen Arbeitsplatz.

Doch fern von den Ränken und Intrigen Berlins, am Rande Hamburgs, zwischen damals unbebautem Brachland und einer von Wald umsäumten Feuchtwiese dachte man wohl weniger an die erschütterte Republik. Denn dieser Tag, der 10.April 1930, sollte ein ganz besonderer werden, für die Walddörfer, für Volksdorf und für die Walddörferschule. An diesem Tag wird das Gebäude am Allhorn bezogen, das von dem berühmten Hamburger Architekten und Städtebauer Fritz Schumacher geplant und in Volksdorf schnell als „Palast für Kinder“ bezeichnet wurde. Aus einem Zusammenschluss von Volksschule und einer Privatschule, der „Ehmkes-Schule“, entstand etwas architektonisch wie pädagogisch komplett Neues, das, was heute „Walddörfer-Gymnasium“ heißt.“

Soweit Tim Tom Umbach, ein Schüler der Stufe 11 von heute in einem zum Schuljubiläum geschriebenen Text.

Die wachsende Volksdorfer Privat-Realschule der Antonia Ehmkes mit Vorbereitung auf den Besuch eines Hamburger Gymnasiums war 1927 verstaatlicht worden und in der Hamburger Schulbehörde fiel eine großzügige Entscheidung: Als exemplarische Alternative zur herkömmlichen, eng und hoch gebauten Großstadtschule war die Zeit gekommen für das zu seiner Zeit einzigartige Projekt einer weit für Landschaft und Licht sich öffnenden, flach und überschaubar bleibenden Schulanlage. Der Architekt, Hamburgs Oberbaudirektor Fritz Schumacher, schreibt: „Mit den niedrigen Trakten der Klassenräume ließ sich ein großer, wirkungsvoll gegliederter Mittelraum umfassen, dessen eine Seite von dem Trakt der Turnsäle abgeschlossen wird, während die andere beherrscht wird von dem Saalbau, der nicht nur als Aula, sondern als Festraum für die ganze Siedlung ausgebildet werden konnte."

Die Fertigstellung dieses Gebäudes, der Einzug der Schule in diesen „Palast“ am 10.April 1930 ist stets als Gründungsdatum genommen worden für Jubiläen – von 1955 über 1980 bis heute.

An dieses Schulgebäude erinnerte sich noch 54 Jahre später die Hamburger Autorin Edith Oppens, die in diesen ersten Jahren Französisch an der Walddörferschule unterrichtete. Sie sagte beim Treffen des Abiturjahrgangs 1934 im Jahre 1984 an dieser Stelle in der Aula:

„Eine Erinnerung knüpft sich an dieses Schulhaus, das war 1930, da kam mal eine Gruppe von Franzosen, Damen und Herren, Lehrer und Lehrerinnen, und besichtigten diese Schule. Und [der Schulleiter] Herr Jänisch bat mich, ein bisschen dolmetschen zu helfen. Sie sprachen zum Teil Deutsch, aber doch nicht alle, und verstanden nicht alle Deutsch, und die Franzosen wunderten sich sehr. Man muss bedenken, dass in jener Zeit 1930 es für Franzosen noch nicht selbstverständlich war oder auch nicht akzeptabel war, dass die Deutschen soviel Geld hatten, um also diese Summen in solche Schule hineinzustecken. Man muss auch bedenken, dass in Frankreich damals, größtenteils ist es noch heute so, die Schulen sehr viel einfacher und primitiver waren. Und nun erinnere ich, dass während dieser Erklärungen, wenn nach dem Preis, nach den Unkosten gefragt wurde, Herr Jänisch sich an meiner Seite hielt und mir immer zuflüsterte: "Keine Preise nennen! Nicht von Geld reden! Tiefstapeln! Tiefstapeln!" Ich glaube, die Schule wurde in meiner Schilderung ein gewisser Billigbau, so dass die Franzosen sich gewundert haben, wie wir Deutschen das denn machen.“

Um die ersten Jahre der Walddörferschule zu charakterisieren, hier ein weiteres Zitat aus der Feier von 1984. Der 34er Abiturient Hans Otte hielt als 70jähriger eine sehr launige Rede, in der er auch auf die ein halbes Jahrhundert lang erlebten Ehemaligentreffen kam und in diesem Zusammenhang auf Erich Kästners Gedicht „Klassentreffen“:

"Sie trafen sich wie ehemals

im ersten Stock des Kneiplokals

und waren 10 Jahr älter.

Sie tranken Bier

  1. machten "Hupp"

und wirkten wie ein Kegelklub

und nannten die Gehälter.."

Soweit Kästner. Hans Otte dazu: „Wir Übriggebliebenen des ersten Abschlußjahrganges haben uns in der Zwischenzeit auch getroffen, aber wir sagen ohne Überhebung: Bei uns war es anders. Auf die Frage nach der Ursache läßt sich eine allgemeine Antwort unschwer geben: Wir kamen eben aus einer anderen Schule. [...]

Otte weiter: „Ostern 1931 verließ ich die Uhlenhorst und bewarb mich um Aufnahme an der kurz zuvor fertig gewordenen Walddörfer-Schule. Sie lag nicht so weit vom neuen Wohnort Berne. Die Eltern waren nicht erbaut von dem Wechselvorhaben, besonders nicht die Mutter. Sie war mehrere Jahre Lehrerin gewesen und hielt nicht viel von der "Hamburger Schulbewegung". "Da sollen doch Lehrer von der Lichtwarkschule den Unterricht übernehmen, pass auf, dann wird nicht mehr gelernt, sondern bloß noch gequasselt". Schulleiter Erich Jänisch empfing mich zu einem Vorstellungsgespräch in seinem Zimmer. Das war ein großer Raum mit ebensolchen Fenstern zur Horst hinaus, viel Licht, sparsam und hell möbliert, über dem Schreibtisch hing eine Reproduktion von Venezianos Renaissance-Dame, die mit dem weißen Profil, und gegenüber eine von Franz Marcs Pferdegruppen. Diese Namen kannte ich natürlich noch nicht. Woher auch? Bis auf das Hafenbild kann ich mich an keines in der alten Schule erinnern. Hier hingen überall welche. Repros alter Meister und die damals neuen von Klee bis Kandinski. Die Sprache dieser Spezies bildender Kunst lernten wir durch Jänischs Vermittlung erst später verstehen. Jedenfalls, es war schon mal eine erste Begegnung mit der Lichtwark-Tradition. Man möge bedenken: 1896 bringt es ein Direktor der Hamburger Kunsthalle fertig, eine Lehrervereinigung auf die Beine zu stellen, auch noch eine "Zur Pflege der künstlerischen Bildung in der Schule". So etwas sollte ihm mal einer nachmachen - heute.“

So der Ehemalige Schüler Habs Otte fünzig Jahre danach. Und weiter: „Ich saß also vor dem Schreibtisch und wurde nach den Gründen gefragt, die mich bewogen hätten, um Aufnahme nachzusuchen. Mir fiel im Augenblick wirklich nichts besseres ein, als dass mir auf der Bahn immer schlecht würde, nach Volksdorf könne ich mit dem Rad fahren und das täte ich sehr gern. Jänisch spielte mit dem Bleistift und wollte weiter wissen, was ich so läse, allgemein, aber auch das Bevorzugte. Ich gab Auskunft, aber diesmal traf es ihn sichtlich. Er schaute in mein vor ihm liegendes Zeugnis mit dem Vermerk der Reife für Obersekunda (heute Klasse 11), sagte dann, dassdie Loslösung von Karl May noch nicht recht gediehen sei, aber immerhin, ich könne kommen, mit dem Rad natürlich, am ersten Tag dann nach den Osterferien. Mit dieser Aufnahme in seine Klasse begannen für mich drei denkwürdige Schuljahre. Das neue Gebäude hier, vom großen Schumacher in Wald, Wiese und Feld hineinkomponiert, war Staunen erregender Gegensatz zur gerade verlassenen Innenstadtschule. Was heute Selbstverständlichkeiten sind: großzügige Ausdehnung der Klassentrakte und Fachräume in der Horizontalen, Lichteinlass wo nur immer möglich, das Flachdach (dem Regen leider nicht immer ausreichenden Widerstand bietend), mehrere Turnsäle, das Stadion, bewegliches Gestühl in den Klassen, für mich jedenfalls war das alles neu. Allgemein bekannt geworden waren die Auseinandersetzungen während der Planungs- und dann der Bauphase der Schule. Es war der Beginn der 30er Jahre, die Republik stand vor dem Offenbarungseid, und die Hamburger genehmigten sich dieses Millionending! Trotz allem, der erste Schultag kam und mit ihm die neuen Klassenkameraden. Freundlich waren sie und hilfsbereit. Wegen der Umschulung musste ich ein Jahr Latein nachholen und erhielt spontan mehrere kostenlose Nachhilfeangebote. Vor allem aber, in der Klasse gab es Mädchen, mehr sogar als Jungen, und das war ein bisschen außergewöhnlich. [...]“

Und weiter Otte: „Mathematik, Physik, Chemie: die sprödere Materie. Ihr Anwalt war Dr. Hayungs. Er verband unerschöpfliche Geduld mit Konsequenz, ja, mit einem Hauch von Unerbittlichkeit in der Sache. Seine Überzeugungskraft hinterließ Spuren auch bei denen, die beschlossen hatten unbegabt zu sein. Er gewährte fachbezogene Audienzen, auch in seiner Wohnung. Überhaupt standen uns die Lehrerhäuser gastlich offen. Wir kannten die Familien und diese uns. Einzeln oder in Gruppen, auch als ganze Klasse haben wir dieses Kommunikationsangebot in Anspruch genommen und (eine Randbemerkung nur), wenn sich anlässlich eines solchen Treffens das Bedürfnis nach Musikanhörung einstellte, so wurde man vokal oder instrumental aktiv. Es ging nicht anders, weil die Zeit der unterhaltungselektronischen Vollkommenheiten noch nicht ausgebrochen war.

Hier an dieser Schule führte die Musik nun wahrhaftig kein Schattendasein: Chor, Orchester, collegium musicum [der Lehrer], der Unterricht, Proben, Aufführungen, überhaupt das ganze tönende Schulleben hatte ein Bezugsorgan, ein selber wohltönendes musikalisches Vollblut, den spiritus rector - auch sanctus, wenn es erforderlich war - Ortwin von Holst.

Soweit ein Rückblick in die ersten Jahre dieser Schule, und wer sich in ihr heute gut auskennt, wird gemerkt haben, dass es neben den großen Unterschieden erstaunlich Wiedererkennbares gibt. Ins Einzelne dazu wird am Montag die schulgeschichtliche Gesprächsveranstaltung gehen, zu der Sie herzlich eingeladen sind.

Wie lebendig gerade auch die älteren und ältesten Ehemaligen der Schule zugewandt bleiben, habe ich in den letzten Wochen und Monaten im Vorfeld dieses Jubiläums erlebt. Ein Abiturient von 1938 hat schon vor Monaten für das Jubiläum angeboten, Diapositive von 1930 mit Aufnahmen von der Einweihung des Schumachergebäudes zu zeigen. Einer seiner Mitabiturienten hat mir kürzlich ein Tonbandgerät mit Spulentechnik gebracht, um mir den Sologesang des [eben erwähnten] Musiklehrers von Holst in einer Aufnahme aus den 50er Jahren vorzuspielen mit dem Text der in den 30er Jahren entstandenen Schulhymne („Walddörferlied“). Es soll morgen, frisch mit Noten versehen von einem künftigen Abiturienten von 2006, mit Ehemaligen neu einstudiert werden. Herr Prof. Eggers aus dem Vorstand des Ehemaligenvereins und Abiturient von 1940, hat sich um die Ergänzung der Ehemaligen-Gedenkwand für Opfer des Krieges eingesetzt, die morgen in einer kleinen Feier am Rande des großen Treffens zelebriert werden wird, wie er schon vor 11 Jahren u. a. den Namen von Herbert Pincus hat ergänzen lassen, des jüdischen Schülers, der seit 1943 in Minsk verschollen ist.  Zwei Abiturienten von 1945 haben mir Korrespondenzen aus ihrem Jahrgang angeboten. Aus ihnen soll morgen beim großen Ehemaligentreffen zitiert werden. Aus dem Abiturjahrgang 1945 stammt auch der Architekt, der in den späten 70er Jahren, als er mittlerweile Vater hier an der Schule war, seine alte Schule und die seiner Kinder ausgebaut und den Schumacherbau sensibel erweitert hat, Herr Gerhard Ostermann. Er wird am Dienstagnachmittag eine Führung durch das Schumacher-Gebäude anbieten. Ehemalige Schüler, die ihre Kinder hier anmelden, gibt es mittlerweile in unüberschaubarer Zahl. Auch in neuerer Zeit haben Ehemalige vitale Verbindungen zur Schule gehalten. Bis in die letzten Tage haben Treffen ganzer Abiturstufen 5 oder 10 oder 20 oder 25 Jahre nach dem WdG-Abitur hier in der Schule stattgefunden, oft als bewegende Wiederbegegnungen, gelegentlich sogar als Neuknüpfung von kommunikativen und sozialen Netzen. Und die älteren Jahrgänge treffen sich oft nach 40 oder 50 Jahren als Klassen hier im alten Klassenraum. Regelmäßig wirken Ehemalige mit bei der Berufsorientierung der heutigen Schüler, ein Ehemaliger mit einschlägiger beruflicher Erfahrung weit jenseits der Ruhestandsgrenze sogar beim Philosophieunterricht. Und was wären unsere Computerei und das digitale Schulnetzwerk ohne Waldemar, den Abiturienten des Jahrgangs 2001? – Nicht auszudenken! Morgen findet nun als eine zentrale Veranstaltung des Jubiläums das dritte Treffen aller WdG-Ehemaligen hier in der Schule seit 1996 statt. Wir rechnen mit einer Besucherzahl, die deutlich über der heutigen Schüler- und Lehrerzahl liegen dürfte, also über 1000. Und am Dienstagabend wird von Schülern der Abiturjahrgänge 1998 bis 2006 zum Jubiläum der von ihnen schon 2002 inszenierte „Tartuffe“ von Molière erneut auf diese Bühne gebracht.

Ein Schuljubiläum erfährt seine Tiefenbegründung erst durch lebendigen Kontakt zu Ehemaligen, basiert auf der durch sie gewährten fühlbaren Kontinuität eines stets neu bevölkerten und doch irgendwie vertraut bleibenden Ortes. Dieser ist mehr als ein verwalteter Platz, mehr als irgendeine Außenstelle im Verhältnis zur zentralen Behörde - nämlich ein Stück Heimat. Mehr also als ein stets wieder leer geräumter Platz, sondern eine Stätte, die Kontinuitäten erkennen lässt, an der vielleicht sogar Jahrgänge, Generationen aufeinander aufbauen, an der die Älteren Basisdienste bieten für die Jüngeren. Ein Stück Heimat natürlich und hoffentlich auch schon für diejenigen, die trotz der häufigen Rückschau an diesen Tagen die Hauptpersonen bleiben und es stets waren: die aktuelle Schülerschaft. Dieser Hauptrolle der Schüler zu entsprechen und ihnen zugleich die Sinne zu schärfen für diese 75-Jahres-Dimension gehört selbstverständlich zu den Intentionen dieses Festes. Und dass es sich nicht um ein nostalgisches Zurücksehnen handelt, sondern um gegenwärtiges Hüten der Flamme, um Feiern und dabei um eine sehr präsente kreative WdG-Schülerschaft, das hören wir ja auch und gerade wieder heute Abend von jenen, die die Hauptpersonen sind, gleich nachher in Gestalt von Liederabendgruppe und Mittel-Oberstufenchor. Und morgen Vormittag beim großen Ehemaligentreffen mit der Flamenco-Gruppe und dem Kammermusik-Trio Adorno und zahlreichen Helfergruppen, morgen Abend in diesem Saal – beim großen Jubiläumsball – u.a. mit WdG BigBand und der großen Hilfstruppe aus der jetzigen Abiturstufe. Und dann am Donnerstag, dem Schulfesttag und Abschluss der Jubiläumswoche. Diesen Tag nennen unsere Schüler den „Schülertag“ und sie haben ihm das Motto gegeben „Weltfremd? – Welt am WdG!“. Wir versuchen ein Jubiläumsfest, das die Geschichte dieses Schulstandorts mit seinen oft und gern durch die Generationen erinnerten Besonderheiten auch in den gegenwärtigen Begegnungen und Gestaltungen zu belegen und lebendig fortzuentwickeln vermag.

Dabei darf nicht verschwiegen werden, dass auch diese Schule Ehemalige hat, die sie als einen Ort der gemischten Gefühle empfinden. Der Hamburger Schriftsteller Harry Rowohlt, WdG-Abitur 1965, hat anlässlich seines 60. Geburtstags kürzlich mitgeteilt, er habe diese Schule „eine halbe Stunde nach dem Abitur“ verlassen. Zugleich setzt er in seinem Erinnerungsbuch aus dem Jahre 2002 seinem streng-gerechten Lateinlehrer Helmut Dombrowski folgendes Denkmal:

„Ich war in Latein auf der Walddörfer-Schule zunächst unzensierbar und bekam dann die erste Sechs minus. Da war ich so stolz. Dann habe ich mich bis zu einer Zwei in Latein gesteigert, die ich auch ins Abitur hinübergerettet habe.“ Und dann schreibt Rowohlt über eine Begegnung Ende der 90er Jahre: „Vor ein paar Jahren hatte ich eine Lesung in Bad Oldesloe. Da kam Herr Dombrowski, den ich in der Walddörfer-Schule in Latein hatte. ... Herr Dombrowski (damals bereits pensioniert, lebt heute leider nicht mehr), bei dem ich es von unzensierbar bis zu einer Zwei geschafft hatte, hat sich, um mich zu überraschen, aus dem Sekretariat der Walddörfer-Schule meinen Notendurchschnitt in der Oberstufe besorgt. Ich hab einen richtigen Schreck bekommen. Das war immer eine solide Zwei. Damit war’s mit dem Mythos vorbei, ich wäre ein schlechter Schüler gewesen.“(H. Rowohlt, In Schlucken-zwei-Spechte, Berlin 2002)

Soweit Rowohlt. Und Ole von Beust, WdG-Abitur 1973 und nun Bürgermeister, erinnerte sich vor einigen Tagen an seine Schulzeit hier mit der Charakterisierung seiner Lehrer als „liebevoller Autoritäten“. Woher ich das weiß? Von Werner Pfeifer, NDR-Reporter und WdG-Abitur 1980. Dieser Jahrgang hat sich gerade vor drei Wochen einen ganzen Abend und eine Nacht lang hier wiedergesehen.

Dass diese Schule in einer lebendigen Ehemaligentradition lebt und ihren jeweils neuesten Tag gleichwohl frei entfaltet, lässt sich – so hoffe ich – in der Jubiläumsschrift erkennen, die genau in diesem Sinne komponiert ist. Sie ist nach 1955 und 1980 die dritte Publikation dieser Art und wird heute der Öffentlichkeit übergeben – für 5 € das Stück. An dieser Stelle möchte ich allen Beiträgern aus Schülerschaft, Kollegium, Elternschaft, aus dem Kreise der Partnerschulen usw. danken, die die Vielfalt des Inhalts erstellt haben, den zahlreichen Inserenten, die Umfang und Aufmachung in der festlichen Form ermöglicht haben, insbesondere aber Herrn Braun vom WdG-Schulverein für seine Vermittlung zur Druckerei und Herrn Goede aus dem Lehrerkollegium, der eine enorme Arbeitsleistung und seine Gestaltungskunst in das Layout gesteckt hat, ebenso genau wie liebevoll. Nicht zu vergessen unser Schüler vom WdG-Abiturjahrgang 2006, ohne dessen hochkompetente Hilfe bei der Schnittstelle zwischen Layout und digitalem Druck wir es dann doch nicht geschafft hätten, nicht zu vergessen also Malte Schwarzkopf!

Die heutige Schule, das Walddörfer-Gymnasium des Jahres 2005, das man in dieser Schrift dokumentiert findet und das man an diesen Tagen der offenen Tür wahrnehmen kann, ist natürlich zunächst einmal ein ganz normales Hamburger Gymnasium, das sich um möglichst guten Unterricht bemüht und um optimale Leistungsergebnisse, um möglichst wenig Unterrichtsausfall, um ein buntes Schulleben mit vielfältigen Verbindungen in den Stadtteil und um den Globus, und das wie alle anderen unter den Bedingungen arbeitet und lebt, die ja auch und gerade in dieser Stadt immer weiter öffentlich diskutiert werden – unter den Bedingungen des „Weniger“ und nicht mehr der wachsenden Mittel. Auch hier sind die Lerngruppen zu groß und auch hier wird das als belastende Lernbedingung erfahren; hier freut man sich andererseits über die nach langen Jahren endlich in Gang gekommene Verjüngung des Kollegiums und die helfend-koordinierende Funktion der behördlichen Personalorganisation dazu; hier lässt das nicht wasserdichte Dach über dem Kopf zu wünschen übrig, dessen Sanierung nun aber endlich in großem Stil begonnen wurde. Gerade noch zum Jubiläum ist die Belüftungsanlage dieser Aula mit nennenswerter Sonderbezuschussung durch die Bildungsbehörde endlich restauriert worden – dank des Einsatzes der Abteilung Gymnasien in Person von Herrn Hofmeister. Das hätte allerdings ohne die jahrelange Finanzierungsarbeit des Aulafördervereins nicht geschehen können, die – wie so manches andere – dem Engagement des ehemaligen Elternratsvorsitzenden Herrn Bünsch zu verdanken ist. Namentlich danken möchte ich auch Herrn Pinck, ebenfalls früherer Elternratsvorsitzender, ohne dessen sachverständige Ermutigung und „sportlich“ anpackende Leistung die bautechnische Konzeption und Realisierung nicht bis heute hätten gelingen können. Die Aula-Möblierung, auf der Sie gerade so unbequem sitzen,  ist so alt wie das letzte Schuljubiläum, aber auch ihre Erneuerung steht unmittelbar in Aussicht. Und wenn Ihnen beim Besuch dieser Schule ein Eindruck des Verrottens wahrnehmbar sein sollte, so liegt das an dem erbarmungswürdigen Zustand der Fensterrahmen – deren Sanierung mein Wunsch zum Schulgeburtstag wäre.

Ganz normal ist diese Schule auch im Verhältnis zu anderen, zu ihren Nachbarn, es gibt keinen Grund zum Dünkel und keinen zum Verstecken. Aber es gibt, denke ich gute, kooperative Nachbarschaft mit den Volksdorfer Grundschulen, dem Gymnasium Buckhorn und der Gesamtschule Walddörfer.

Das WdG gehört trotz aller politischen Klagen über die täglich spürbare Sparsamkeit bei Bildungsaufwendungen in unserem Land ohne eigenes Verdienst zu den Schulen, die durch Standort und personelles Umfeld privilegiert sind. Die Elternschaft und die Schülerschaft – und auch wieder die aktiven Ehemaligen – unterstützen nicht nur an Festtagen, sondern vor allem im Alltag des Unterrichts und des Schullebens unsere Arbeit durch engagierte und konstruktiv-kritische Zugewandtheit in einem Maße, um das uns viele andere beneiden könnten. Von neu an die Schule wechselnden Lehrern oder anderen, die den Vergleich ziehen können, wird mir das seit vielen Jahren bestätigt. Dieses Privileg, in einem solchen Umfeld Schule machen zu dürfen, verpflichtet Lehrerkollegium und Schulleitung. Unsere Arbeit ist auch daran zu messen, wie weit wir dieser Verpflichtung entsprechen.

Worin die heutige und die – wie ich meine – auch traditionelle Identität dieser Schule besteht, ist natürlich in klugem Pädagogendeutsch im Schulprogramm nachzulesen. Ein kürzeres Wort dazu ist an diesem Festtag gleichwohl angebracht. Schule ist heute in vielfältigem Sinne des Wortes Baustelle, diese Schule zumal auch ganz wörtlich im gebäudetechnischen Sinne, wie Sie sehen können, wenn Sie vor die Tür treten. Baustelle aber eben auch im schulorganisatorischen, im lehrplantechnischen, im unterrichtsmethodischen und unterrichtstechnologischen Sinn, Baustelle mehr als fertiges Gebilde. Meine Hoffnung ist, dass auf all diesen Baustellen hinreichend schonend mit dem umgegangen werden kann, was gerade diese Schule auszeichnet und immer ausgezeichnet hat, nämlich das Bemühen um, wie es in unserem Schulprogramm heißt, „ganzheitliches Lernen“. Ich empfehle Ihnen dazu die Lektüre des Gesprächs unserer Musikfachleiterin mit den Professoren Schönherr und Lampson von der Hamburger Musikhochschule in der Jubiläumsschrift. Hier wird am Beispiel des für das Profil dieser Schule herausragenden Faches Musik, für schulisches Musizieren, die Gefahr verdeutlicht, die eine auf sog. „Kernfächer“ und v. a. auf schnell messbare Erfolge konzentrierte und konzentrierende Reform und die damit riskierte Relativierung anderer Bildungssektoren heraufbeschwören kann. Dabei tut die zunehmende zeitliche Verdichtung des Schulbetriebs das Ihrige dazu.

„Wenn wir Musik und Sport und Kunst für die Sahne auf dem Kuchen halten und nicht für die Hefe im Teig, dann verstehen wir unsere Gesellschaft falsch.“ (Johannes Rau, Alt-Bundespräsident) In diesem Sinne könnten die gerade für uns hier vor Ort so maßgeblichen Profilschwerpunkte getroffen werden, die künstlerischen Fächer insgesamt. Aber auch eine besondere Fremdsprachenvielfalt und -freudigkeit dieser Schule mit entsprechenden Schulpartnerschaften von Madrid und London über Warschau und St. Petersburg bis nach Shanghai. Und was ist mit dem Spielraum, der für soziales Lernen an der Schule erforderlich wäre? – Auch dies ein Stück gewollter Identität, ein Profilschwerpunkt dieser Schule! Reformbedürftigkeit des Schulwesens und Reformfreudigkeit der offiziellen Schulpolitik sollen mit diesen Hinweisen nicht grundsätzlich in Frage gestellt werden, aber ich werbe für ein sehr wachsames Implementieren, um dieses Vorzugswort unserer Kollegen in der Behörde zu gebrauchen. Ich möchte ihren Blick lenken auf die Bedeutung eines umfassenderen Bildungsbegriffs – und sei es der Humboldtsche, der moderner ist denn je. Die starken Innovationsschübe unserer Tage und die damit vermachte Baustellenvielfalt enthalten natürlich auch große Chancen, und das möchte ich heute an der Schwelle zum vierten WdG-Jahrhundertviertel betonen. Kennzeichen dieser Tage sind Aufbrüche zu neuen Ufern in der Entwicklung von Unterricht und Organisationsformen der Schule, damit verbunden aber auch der Wunsch nach und das Bemühen um Strukturierung und größere Übersichtlichkeit der vielen Veränderungsprozesse. Der durchaus konstruktive Wunsch nach einer nur leichten, aber umso produktiveren Verlangsamung dabei um der Sensibilität willen.

Dieses leise Gegenerinnern möchte ich mit einem Zitat meines Amtsvorgängers in der WdG-Jubiläumsschrift von 1980 ausklingen lassen: Heinrich Wriede sagte in Anlehnung an Hartmut von Hentig in seinem Geleitwort u. a., dass zwar „die Schule auf die Wandlungen in der Welt reagieren muss, einer Welt, in der sich in einer Generation mehr verändert als sich erhält“, dass aber ein zu starker Konformitätsdruck der Gesellschaft „wenigstens während der Schulzeit weitgehend von Kindern und Jugendlichen genommen werden sollte, in einer Zeit, in der der Selbstbehauptungswille, das Kritikvermögen und die schöpferischen Kräfte sich erst entfalten sollen und nicht ohne systematische Hilfe gedeihen können.“ Wriede sprach von einer Schule, „in der auch neben dem Fachwissen die staatsbürgerlichen Tugenden der Achtung vor dem Mitmenschen, der Toleranz und der Hilfsbereitschaft entfaltet werden können ebenso wie die Kräfte des Gemüts.“ Und ich wünsche uns, dass diese Dimension von schulischer Arbeit, diese Komponente von Schulidentität auch die großen Veränderungen der heutigen Zeit zu überdauern in der Lage sein werden, indem Zeit und sogar Muße dafür bleiben bzw. wiedererlangt werden.

Zeit und Muße (!) für die Zuwendung zum jungen Menschen, wie er uns hier als Schülerin und als Schüler begegnet. Das gehörte vor 75 Jahren zu den Gründungszielen – mit den Worten von Gründungsschulleiter Erich Jänisch sollte die Schule „über das einfache Unterrichtsinstitut hinaus eine Arbeits- und Lebensgemeinschaft bilden.“ Das sollte als Anspruch weiterhin gelten und uns immer wieder Ansporn sein!

Oder in der für den heutigen Abend erlaubten Zuspitzung gesagt: „All you need is love!“ Dafür nun endlich Bühne frei!

Jürgen Fischer, 23.September 2005

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