Das Johannes-Petersen-Heim

  Erinnerungen an die Kindheit im Johannes-Petersen-Heim
  Ein Beitrag von Michaela Ratzke ...

 

jph

 

Leben im Johannes Petersen Heim

Zur Geschichte des alten ehrwürdigen Johannes Petersen Heimes in den 50/60iger Jahren!

"Die Zeitgeschichte Volksdorf darf nicht verschleiert werden", so las ich eine Überschrift im Volksdorf Journal, "im Internet" zu dem alten ehrwürdigen Johannes Petersen Heim (JPH).

Diese Aussage sprach mich sofort an.
Vor allem als ich las, dass es an einen privaten Investor gegangen ist und zu Eigentumswohnungen umfunktioniert werden soll und somit auch seinen Namen verliert.
Da bin ich ja nur froh, dass dieses Haus unter Denkmalschutz steht und nicht komplett abgerissen werden darf.
Natürlich las ich mit Interesse diesen Artikel.
Schon während des Lesens dieses Artikels nahm ich den Duft des Bohnerwachses aus diesem Gebäude wahr.

Bevor ich aber weiterschreibe, möchte ich mich kurz vorstellen.
Ich bin eines der vielen Heimkinder aus den 60iger Jahren, die dieses Heim für 2 Jahre ihr Zuhause nennen durfte. Ja, ich schreibe bewusst ihr Zuhause. Ich wurde als Heimkind in vielen Heimen untergebracht und kann nicht sagen, dass ich sie im Entferntesten auch nur als mein Zuhause betrachtete. Doch im Johannes Petersen Heim war es anders. Ich war, bevor ich dort aufgenommen wurde, schon in anderen Heimen und auch danach. Doch keine Mitarbeiterin, kein Mitarbeiter und auch das Haus selber gaben uns Kinder je so viel Sicherheit und Geborgenheit, wie dieses Heim.
Deshalb möchte ich einen Satz im Artikel über das Johannes Petersen Heim im Volksdorf Journal heute etwas verändern.

In den 50/60iger Jahren, vor allem aber in den 60igern, war das JHP kein Erziehungsheim für schwererziehbare Kinder, wie jemand schrieb, sondern ein Beobachtungs- und Durchgangsheim. Wir Kinder kamen dort hin, wenn wir in den anderen Heimen vom Alter her nicht mehr bleiben konnten, oder aber auch, wenn zwecks Förderung der Gaben und Fähigkeiten ein neues Heim für sie gesucht wurde. Aber auch Kinder, die aus bestimmten Gründen zu Hause gefährdet waren, lebten dort wieder in Sicherheit.

Im JPH wurde dann versucht, das passende Heim für sie zu finden.
Was sicher nicht so ganz einfach war, da damals viele Heime in Hamburg unter den Begriff schwererziehbar gehalten wurden. Weil das JPH in Volksdorf als ein Heim für schwererziehbare Kinder heute immer noch bekannt ist, möchte ich ein etwas anderes Licht auf dieses Haus werfen.
Das Wort „schwererziehbar" ist für mich mit so vielen Vorurteilen verbunden. Klar, damals meinte man, wenn Kinder in Heimen lebten, dann hätte es schon einen Grund und es kann nur an den Kindern liegen, und so wurden sie unter der Rubrik schwererziehbar geführt.
Doch eines kann ich mit aller Gewissheit sagen, der Grund lag nicht bei den Kindern. Kinder sehnen sich nach Liebe, Geborgenheit und Sicherheit, was all unsere Kinder verdienen, um gestärkt heranwachsen zu können. Bekommen sie diese verdiente Liebe nicht, machen sie halt auf sich aufmerksam und teilen den Erwachsenen mit, hier stimmt etwas nicht in eurer großen Welt.

Ja, und glauben sie mir, was das Johannes Petersen Heim und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter betraf, da wurde Liebe und Zuwendung verteilt. Die meisten Kinder waren dort sehr gerne, und es gab, nachdem ein neues Heim für sie gefunden wurde, beim Abschied immer Tränen.
Für die damalige Zeit wirklich ein Wunder. Denn wer die Geschichte vieler Heimkinder der 50iger und 60iger Jahre mit verfolgt hat, weiß, dass es damals so nicht üblich war!
Ich war damals 13 Jahre alt, als ich dort hinkam. Kam dort an mit nur einem Schuhkarton und hörte „hier wirst du jetzt die nächsten Monate bleiben". Es wurden fast 2 Jahre daraus und ich muss sagen es waren die schönsten Jahre meiner langen Heimkarriere.
Ich schrieb eben, ich rieche beim Denken an dieses Gebäude das Bohnerwachs. Es werden noch viel viel mehr Erinnerungen wach, wenn ich an dieses Gebäude und seinen kleinen und etwas größeren Bewohner denke.

Auf dem Weg zu den jeweiligen Gruppen in denen wir untergebracht waren, mussten einige Treppen überwunden werden. Jede Treppenstufe hatte ihr eigenes Geräusch. Es knarrte und knackte. Der Essensgeruch am Mittag zog durch alle Räume. Ich höre das Kindergeschnatter und das Lachen.
Jetzt gerade nehme ich den Herbstduft wahr, wie damals, wenn wir durch den kleinen Wald mit dem See vom Bahnhof zum JPH gegangen sind.
Ich höre das knacken der trockenen Blätter im Wald und die vielen Vögel, die dort auf dem Gelände des JPH in den großen und alten Bäumen auch ihr Zuhause hatten.

Für uns Kinder ein herrlicher Platz zum Spielen und sich austoben. Damals gab es kaum Spielsachen und so bauten wir uns auf dem Gelände Höhlen aus dem vielen Holz, das vorhanden war, spielten unter den Bäumen oder verstecken uns im angrenzenden Wald mit dem kleinen Teich. Auf dem Gelände stand ein altes Auto, extra für uns angeschafft, in dem durften wir spielen. Wir fühlten uns wie die größten Rennfahrer aller Zeiten.
Auf dem Gelände stand angrenzend eine große Scheune in der ein riesiges Trampolin stand. 2 x die Woche durften wir uns darauf austoben. Ja, es war einfach herrlich.
Viele andere Heime wurden mit Zäunen abgeschottet, damit die Kinder nicht weglaufen konnten, nicht so im Johannes Petersen Heim. Hier im JPH gab es zwar ein großes eisernes Eingangstor, aber ansonsten war es für uns Freiheit pur!!!!!!
Ja, und da möchte ich heute auch einmal Danke sagen. Danke an die damaligen Bürgerinnen und Bürger von Volksdorf, die rund um uns wohnten. Sie haben uns nie spüren lassen, dass wir Heimkinder waren. Was in anderen Stadtteilen Hamburgs mit Heimen ganz, ganz anders war.
Vielleicht wohnen ja noch Bürgerinnen und Bürger dort, die sich an diese Zeit erinnern können.

Ich bin heute 60 Jahre und kann mich noch so lebendig an die Zeit in Volksdorf und dem Johannes Petersen Heim erinnern.
Könnte auch noch stundenlang so weiter schreiben.
Doch für heute will ich es erst einmal belassen. Vielleicht besteht ja noch weiteres Interesse, dann schreibe ich gern noch etwas, man muss es mir nur mitteilen.
Ich weiß nicht, ob es Ihnen auch so geht, wir erinnern uns so oft an das, was schwer und nicht so schön war. Oder wir vergessen und verdrängen sehr viel. Doch beim Schreiben meiner Erinnerungen merke ich wie toll es sein kann, und der Seele unheimlich gut tut, sich an das zu erinnern was einfach nur schön war.
Ja, und das war die Zeit in dem ehrwürdigen alten Johannes Petersen Heim, aus dem es von so vielen Geschichten zu berichten gibt, es zu ganz spannenden Begegnungen kam, Tränen flossen, mancher Schmerz erlebt wurde, aber es waren immer Ohren und Herzen für uns da. Sie hörten uns Kindern zu, verstanden unsere Not, und es gab auch so viel zu Lachen. Das Lachen und Toben von uns Kindern und Jugendlichen in diesem Haus höre ich heute noch.
All das ist mit dem Namen und Erlebten des Johannes- Petersen Heimes verbunden und schon deshalb darf es nicht vergessen werden, wenn jetzt ein ganz neuer Name, wenn auch mit zum Teil alten Gemäuern entsteht. Es ist ein Teil meiner und auch der Geschichte von Volksdorf.

 

 

JPH - Advents- und Weihnachtszeit

Erinnerungen an die Zeit im Johannes–Petersen-Heim - Die Advents- und Weihnachtszeit.

In meinem letzten Artikel schrieb ich, ich könnte noch stundenlang so weiterschreiben über meine Erlebnisse in den zwei Jahren im Johannes – Petersen – Heim, in den 60/70 Jahren.

Während ich hier sitze wandern meine Gedanken wieder nach Volksdorf. Ich gehe im Volksdorfer Wald am kleinen See spazieren, und mir fällt dabei ein Weihnachtslied ein.

Leise rieselt der Schnee,
still und starr ruht der See,
weihnachtlich glänzet der Wald.
Freue dich Weihnacht kommt bald.

Ich höre den gefrorenen Schnee unter meinen Füßen knirschen. Ich rieche das feuchte Laub und sehe meinem Atem zu, der kleine Wölkchen in die Luft zaubert.
Diese Stille dort tat meiner Seele schon damals unendlich gut.
Dieser Wald war gerade im Winter und zur Weihnachtszeit immer ein kleiner Zauberwald für mich. Meine Phantasie war schon als Kind sehr ausgeprägt und so meinte ich zu erkennen, dass die kleinen Schneehäuptchen die auf den Ästen lagen, kleine Zwerge, Feen und vieles mehr seien.

Ich erinnere mich ansonsten nicht gerne an die Advents- und Weihnachtszeit in meiner Kindheit. Weihnachten war für mich bis ich nach Volksdorf kam, und auch danach in meiner Kinder- und Jugendzeit, mit ganz viel Schmerz und Traurigkeit verbunden.

Ganz anders jedoch im Johannes-Petersen-Heim.
Schon Wochen vorher lag im Haus eine große Spannung in der Luft.
In den Adventswochen hing unten am Eingang ein großer Adventskranz an der Decke. Jede Gruppe hatte kurz vor Weihnachten ihren eigenen Tannenbaum, an dem wir unsere eigenen Ideen entfalten durften. An den Fenstern hingen Weihnachtssterne, die wir mit den Gruppenleitern schon Wochen vorher gebastelt hatten.
Wir fuhren kurz vor Weihnachten sogar ins Theater. Mein erstes Weihnachtsmärchen durfte ich dort erleben! Ich hab die Nacht vorher schon vor Aufregung nicht mehr schlafen können. Ich weiß noch heute, welches Märchen es war. „Peterchens Mondfahrt" . Ich saß voller Staunen da und am liebsten wäre ich mit Peter zusammen auf die Abenteuerreise zum Mond gefahren.

Ein paar Tage vor Weihnachten gab es eine große Weihnachtsfeier für alle Kinder.
Jeder von uns durfte sich schon Wochen vorher ein Geschenk aussuchen. Nach dem gemeinsamen Essen wurden dann die Geschenke verteilt.
Damals gab es eher praktische Dinge, wie einen Pullover oder neue Schuhe. Was für viele von uns etwas ganz Besonderes war.
Jedes Kind bekam einen kleinen Teller mit Süßigkeiten, einen Apfel und eine Mandarine darauf.
Für mich war es allerdings keine so ganz große Freude, da ich schon als Kind nichts Süßes mochte. Ja, und so hatte ich entweder Ostern noch etwas von meinem bunten Teller, oder ich verteilte meine Süßigkeiten. Ich aß eben lieber die Mandarine, und die war dann auch ganz schnell in meinem Mund verschwunden.

Heiligabend waren wir dann nur noch ganz wenige Kinder im Haus, sodass die Gruppen oft zusammengelegt wurden.
Viele Kinder fuhren über die Weihnachtstage dann in ihr Zuhause, um mit ihren Familien das Fest zu feiern.

Da ich persönlich nicht nach Hause fahren konnte, verbrachte ich die Zeit im JPH.
Klar, dass es auch Tränen bei mir gab, denn da wurde mir dann so richtig bewusst, dass ich keine Familie hatte, und nirgendwo so richtig dazu gehörte.
Waren dann aber alle abgereist, haben die diensthabenden Erzieherinnen für uns Zurückgebliebenen ein ganz schönes Weihnachtsfest vorbereitet. Da waren die Tränen auch bald wieder versiegt.
Wir unternahmen mit den Erzieherinnen lange Spaziergänge durch den verschneiten Wald. Probierten auf dem See aus, ob das Eis schon hielt. Wenn wir das Eis dann knacken hörten und sich Sprünge zeigten, wussten wir, dass es uns noch nicht halten würde. Wir machten uns auch gerne einen Spaß daraus, die Erzieherinnen zu beobachten, wie sie fast panisch reagierten.
Ich glaube heute, sie wussten genau, dass wir da schon aufpassten und spielten das Spiel mit, um uns eine Freude zu bereiten.
Abends saßen wir zusammen, und sangen Weihnachtslieder. Das Tolle war, wir durften dann immer viel länger aufbleiben als sonst. Da wir nur wenige waren hatten die Erzieherinnen auch viel mehr Zeit für jeden Einzelnen von uns. Ja, und das genossen wir ausgiebig.
Weihnachten im JPH, war etwas ganz Besonders.
Gerade die Kleineren von uns, die noch an den Weihnachtsmann glaubten, denen haben wir dann Geschichten von IHM erzählt, weil sie doch so traurig waren.

Als meine Patenkinder noch klein waren, erzählte ich ihnen oft davon. Ich erzählte ihnen dann diese Geschichten, die wir den Kleinen im JPH erzählten. Vom Weihnachtsmann, von den Rentieren und wie lange ER brauchte, um alle Geschenke an den richtigen Ort zu bringen.

Als Kinder spürten wir im JPH das Geheimnis von Weihnachten.

Ich wünsche Ihnen von Herzen, das unser Kind, das in uns allen steckt, dieses Geheimnis von Weihnachten in diesem Jahr auch so spüren darf. So wie ich es damals im JPH in Volksdorf spüren durfte.

Michaela Ratzke

 

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