Volksdorf - die Entstehungsgeschichte

  Ein Aufsatz von Heinz Waldschläger ...

Die Geschichte von Volksdorf geht über 700 Jahre zurück. Wir freuen uns, dass wir Ihnen hier einen umfangreichen Aufsatz  zur Entwicklung unseres schönen Dorfes von Heinz Waldschläger präsentieren können.

700 Jahre Volksdorf

Ein 700jähriges Ortsjubiläum, das wir Volksdorfer in diesem Jahr begehen, läßt uns den Blick rückwärts richten. Es liegt eine so unvorstellbare lange Zeit zwischen der ersten urkundlichen Erwähnung und der Gegenwart, daß man die vielfältige Historie nur recht lückenhaft nachzuvollziehen vermag.

Die Urkunden von 1296 und 1437

Die Volksdorfer waren vor 700 Jahren keineswegs vermögend. Vermutlich sind ihre Vorväter irgendwann, vielleicht schon 400 oder erst 100 Jahre zuvor, von irgendwoher als Kolonisten nach Nordelbien gekommen und haben von der Obrigkeit für bereits geleistete oder versprochene militärische Dienste entweder verwaistes oder den Slawen abgenommenes Land in einer Art Erbpacht überlassen bekommen. Als Gegenleistung waren sie außer der Heeresfolge verpflichtet, die ihnen anvertraute "Hufe" zu bewirtschaften, und mußten dafür einen Teil von ihren Er­trägnissen abgeben, und in einem geringen Umfang auch Geld zahlen sowie, und das war oft recht belastend, Hand- und Spann­dienste leisten. Da die Dörfer damals üblicherweise nach ih­rem Begründer benannt worden sind, wird unser Ort mit einem Mann namens Volkward in Verbindung gebracht.

geschichte-01Unter der Kolonisation haben wir die Landnahme und gleich­zeitige Christianisierung zu verstehen. Sowohl die Ritterschaft als auch die kirchlichen Institutionen wurden mit großen Ländereien belehnt und mit sonstigen Vorrechten bedacht. Sie wa­ren folglich vermögend, nutzten aber ihren Besitzstand recht unterschiedlich. Die anfänglich andauernden kriegerischen Auseinandersetzungen mit den zurückgedrängten Slawen, den rauflustigen Wikingern und den machtvoll nach Süden streben­den Dänen, aber auch die späteren internen Fehden sowie die vielfach aufwendige eigene Hofhaltung kosteten den Adel sehr viel Geld. Dagegen mehrte die Geistlichkeit ihren Reichtum, und zwar nicht nur durch eine bescheidene Lebensweise und aufopfernde Arbeit der Klosterangehörigen, sondern vornehm­lich durch großzügige Schenkungen frommer Einwohner, wel­che um ihr Seelenwohl besorgt waren. Die auf diese Weise ver­änderte Vermögenslage machen die beiden vorgenannten und für Volksdorf bedeutsamen Urkunden deutlich.

Die ursprünglichen Lehensgebiete sind uns weitgehend unbe­kannt. Niemand weiß deshalb, wem die Volksdorfer hörig und abgabepflichtig waren und welche wechselvollen Verbindungen zwischen Volkward und den in der 700jährigen Jubiläums­urkunde erwähnten Lehensmännern Hellerich und Johannes von Wesenberge, deren Stammsitz an der Trave gelegen war, be­standen haben.

Belegt ist nur, daß diese bei den Adeligen mindestens vorüber­gehend berechtigt gewesen waren, von den einheimischen Bau­ern die Naturalabgaben, nämlich den großen und kleinen Zehn­ten, einzufordern und für sich zu verwenden. Der Urkunden­text ist dahingehend zu verstehen, daß die derzeitigen Landes­herren, es waren die Nachkommen des im Jahre 1111vom deut­schen Kaiser Lothar von Sachsen-Supplinburg mit den Graf­schaften Holstein und Stormarn belehnten Adolph von Schau­enburg, diese Einnahmequelle käuflich erworben und sogleich zusammen mit den dazugehörigen Grundstücken zur allzeit frei­en Verfügung dem Harvestehuder Nonnenkloster Frauental über­lassen haben. Für eine derartige Handlungsweise wird bedeut­sam gewesen sein, daß ihre Großmutter Heilwig diese kirchli­che Einrichtung aus Dankbarkeit für den im Jahre 1227 errun­genen Sieg über die Dänen bei Bornhöved gestiftet hatte.

geschichte-02Aus der Urkunde von 1296 ist nicht ersichtlich, was die Brüder Wesenberg dazu bewegt haben könnte, ihre Volksdorfer Pfrün­de zu verkaufen. Anders verhält es sich bei dem zweiten Doku­ment aus dem Jahre 1437. Dort handelt es sich um einen Ver­pfandungsvertrag. Der Knappe Bruneke von Alverslo, welcher in unbekannter Weise Eigner von Volksdorf geworden war, brauchte Geld und lieh sich 4 000 lübsche Mark von den Bür­germeistern der Stadt Hamburg. Zur Sicherheit übertrug er der Stadt nicht nur die Volksdorfer Gemarkung, sondern überließ ihr auch die dortigen Bewohner einschließlich der von densel­ben zu erbringenden Leistungen. Da der Schuldner das Pfand bei Vertragsablauf nicht hat einlösen können, behielt Hamburg fortan ohne ernsthaften Widerspruch der holsteinischen Grafen die Landeshoheit über Volksdorf.

Die vielen den adeligen Rittern überlassenen Lehensgüter ein­schließlich der ihnen eingeräumten Gerechtsamen, die späteren Erbteilungen und -kriege sowie die Verkäufe und Verpfän­dungen von einzelnen Rechten, von Gehöften und sogar von ganzen Dörfern und Landstrichen haben zur unheilvollen poli­tischen Zerrissenheit von Schleswig-Holstein beigetragen. Da­von mitbetroffen war Volksdorf als hamburgische Exklave, die bis 1938 allseits von stormarnischem Gebiet umgeben war. Trotz mancher Nachteile war die städtische Verwaltung dennoch viel­fach angenehmer als die in den Nachbargemeinden, wo die Bevölkerung, wie auf dem adeligen Gut Woldenhorn (Ahrens­burg), zeitweilig unter Leibeigenschaft gestanden hat. Wie auf­gezeigt, sind es allein geldliche Gründe gewesen, die zu einer so grundverschiedenen historischen Vergangenheit geführt ha­ben.

Die dörflichen Erträgnisse

Reichtum, wie teils auf den Landgütern und in den Städten oder wie bei den Klöstern und Kirchen, gab es auf dem Lande und insonderheit in Volksdorf nicht, weil dort der "magere Geestboden fast nichts als rauhen Hafer und hier und da etwas Roggen und Buchweizen aufkeimen" ließ. Hinzu kommt, daß sich vom Mittelalter bis hin zur Verkoppelung am Ende des 18. Jahrhunderts auf allen Dörfern unseres Heimatgebiets, sofern diese nicht "wüst" geworden oder von den Lehensherren "ge­legt" und Gutsbezirken angegliedert worden sind, strukturell kaum etwas verändert hat. Zu den anfänglich acht Vollhufen in Volksdorf sind im Laufe der Zeit lediglich eine weitere, und zwar die Vogtshufe mit dem Land vom ehemaligen Herken­krug hinzugekommen, Außerdem sind drei Halbhufner im Ort seßhaft geworden. Man arbeitete vornehmlich nicht des Gel­des wegen, weil Ackerbau und Viehzucht unter den gegebenen Umständen nur in einem derart bescheidenen Umfang betrie­ben werden konnten, daß normalerweise gerade genügend vie­le Naturalien für den eigenen kinderreichen Haushalt und für die aufs Altenteil gegangenen Eltern sowie für die öffentlichen Abgaben vorhanden waren.

geschichte-03Kaum jemand konnte sich auf den Dörfern besonders hervor­tun und seine wirtschaftlichen Verhältnisse entscheidend ver­bessern, weil keiner die ihm zugewiesenen Ackerflächen nach eigenem Gutdünken bearbeiten durfte. Denn ein jeder Hufner hatte sich den überlieferten Regeln der dörflichen "Feldgemein­schaft" zu fügen. Und das beruhte darauf, daß die ersten Sied­ler, um Ackerland zu gewinnen, an mehreren Stellen des ihnen zugesprochenen Gebiets den reichlich vorhandenen Wald ge­rodet und diese im Gelände zerstreuten "Gewannen" wieder­um in "Rehmen" aufgeteilt hatten. Letztere waren nebeneinan­der liegende sehr lange und schmale Geländestreifen. Mancher Straßenname macht auf diese Besonderheit aufmerksam. Jeder Hofeigner hat damals in jeder Gewann einige, wegen der unterschiedlichen Bodenbeschaffenheit, auseinanderliegende Teil­stücke besessen. Diese ungünstige Landaufteilung und die jähr­lich wechselnde Bodennutzung im Rahmen der Dreifelderwirt­schaft bedingten, daß die benachbarten Ackerfluren mit gleicher Frucht und zur gleichen Zeit bestellt und später auch gleich­zeitig abgeerntet werden mußten. Die Erträge litten insbeson­dere darunter, daß man zum einen den Boden außer der einjäh­rigen Brache noch nicht zu düngen wußte und daß man zum anderen zwischen jedem Ackerstreifen in etwa gleicher Breite die Bäume des ursprünglichen Waldes stehengelassen hatte, so daß ihr Wurzelwerk und Schatten das Wachstum der Feldfrüchte stark behinderten. Wie beim Ackerbau, so hat die Dorfschaft auch darüber mitbestimmt, wie viel Vieh jeder Einwohner zur gemeinsamen Trift über die Heide- und Moorflächen der All­mende schicken durfte.

Trotz der geschilderten Umstände gab es innerhalb eines Dor­fes gewisse soziale Unterschiede. Der von der Obrigkeit mei­stens über Generationen hinweg bestellte Bauernvogt besaß nicht nur eine größere Hufe, sondern er war von den lästigen Hand- und Spanndiensten befreit, und außerdem durfte er im Dorf der einzige Schankwirt sein. Folglich war bestenfalls nur er imstande, größere Überschüsse zu erwirtschaften und Gel­der auch einmal an zuverlässige Bekannte zu verleihen. Die alte hiesige Bauernvogtshufe der Familie Heins lag auf dem Rockenhof, dem jetzigen Kirchen- und Hallenbadgelände.

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Zu dem geringen Wandel auf den Dörfern haben vornehmlich zwei Umstände beigetragen. Zum einen war die Hufe unteil­bar! Sie durfte an nur einen Nachfolger vererbt oder veräußert werden. Geriet also jemand durch Krankheit, infolge einer Vieh­seuche oder wegen eines Feuers vorübergehend in finanzielle Bedrängnis, so vermochte er nichts von seinem Grund und Boden, sondern nur seine etwaigen Vorräte oder einige seiner Tiere zu verkaufen. Meistens aber führte so ein widriges Ereig­nis in die Armut. Für jeden in Not geratenen Dorfsassen mußte nach altem Brauch die Dorfgemeinschaft eintreten. Und in die­ser Verpflichtung ist der zweite Grund für die ziemlich kon­stant gebliebene Einwohnerzahl zu suchen. Man ließ keinen Auswärtigen zuziehen! Hielt sich dennoch ein Fremder eine längere Zeit z.B. bei einem Verwandten auf, so wurde er gna­denlos in seinen Geburtsort abgeschoben, wenn sein Gastgeber nicht willens war oder nicht garantieren konnte, für ihn für alle Zeit zu sorgen. Wie man sieht, war die Freizügigkeit auf dem Lande über Jahrhunderte sehr eingeschränkt, so daß es schon aus diesem Grunde, aber auch wegen der fehlenden oder man­gelhaften Schulausbildung kaum jemanden gelungen war, an­dernorts Geld zu verdienen.

 

Die Zeit der Aufklärung

geschichte-05Etwa ab 1750 sank der Lebensstandard auf den Dörfern, die Armut nahm zu. Ursache war, daß die Gesamtbevölkerung ge­wachsen war und von der einheimischen Landwirtschaft nicht mehr in ausreichendem Maße versorgt werden konnte. Schuld daran waren die aufgezeigten rückständigen agrarischen Bear­beitungsmethoden und die zu leistenden Frondienste. Ab 17T brauchten die Volksdorfer zwar nicht mehr für das Wohldorfer Vorwerk zu arbeiten, statt dessen mußten die Vollhufner fortan 50 Mark Dienstgeld und die Halbhufner halb so viel in die Staatskasse zahlen. Um Barmittel in die Hand zu bekommen. gingen etliche Bauern dazu über, in den leerstehenden Räumen ihrer Häuser "Mietlinge" aufzunehmen. Am meisten zahlten die holsteinischen Nachbarn, die sich dem dortigen Militär­dienst entziehen wollten. Dies alles geschah zwar ohne offizi­elle Zustimmung des für die Verwaltung der hamburgischen Walddörfer verantwortlichen Waldherrn, jedoch vielfach mit stiller Billigung. Eine weitere Lockerung überlieferter Gepflo­genheiten bestand darin, daß die Obrigkeit gewisse Flächen au der Allmende herauslöste und den kleinen Leuten zur Urbar­machung gegen geringes Entgelt überließ. Aber alle diese Maß­nahmen vermochten das drängende Problem nicht zu lösen. Die Stadt Hamburg bemühte sich deshalb um eine Bodenreform. wie sie im Holsteinischen bereits weitgehend verwirklicht war Die Volksdorfer Hufner taten sich mit dieser Maßnahme, der Verkoppelung, schwer, weil sie eigene Nachteile befürchtete und den kleinen Leuten, den Brinksitzern den ihnen aus den bisherigen Gemeinflächen zugedachten Grunderwerb mißgönn­ten. Erst im Dezember 1799 war das Werk vollbracht.

Die Verkoppelung war eine politische Großtat! Durch sie ha sich die Landnutzung grundlegend geändert und hat in Folg die gesamte Volkswirtschaft günstig beeinflußt. Seither ken­nen wir die für die holsteinische Landschaft als typisch emp­fundenen Knicks, die die Bauern zur Begrenzung und als Wind­schutz um die ihnen zuerkannten großen Wiesen, Felder un Äcker herrichten mußten. Ansonsten aber durfte jeder seine Ländereien nach eigenem Ermessen nicht nur landwirtschaft­lich nutzen, sondern darüber schlechthin frei verfügen. Denn er war uneingeschränkter Eigentümer geworden. Die verschie­densten Realleistungen wurden im Laufe der Zeit abgebaut und in Geldzahlungen umgewandelt, so daß sich auch für die landwirtschaftlichen Betriebe langsam eine Art steuerlicher Bela­stung entwickelte. Die alte Klasseneinteilung der vorberech­tigten Voll- und Halbhufner einerseits und der übrigen Dorfbe­wohner andererseits ist jedoch noch bis fast zur nächsten Jahr­hundertwende bestehen geblieben.

Die sich abzeichnende günstige wirtschaftliche Entwicklung wurde jedoch durch die Wirren der napoleonischen Kriege stark gehemmt. Die Brinksitzer gerieten als erste in Not. Nach einer noch im Familienbesitz befindlichen, in französischer Sprache abgefaßten Urkunde aus dem Jahre 1811 war der Volksdorfer Peter Cords gezwungen, sich von Verwandten 300 Mark, um­gerechnet 453 Franc, zu leihen und sein bescheidenes Anwe­sen entsprechend zu belasten. Die in der Folgezeit von den Trup­pen vermehrt geforderten, sich teils über Tage erstreckenden Fuhrleistungen, die häufigen Requirierungen und die vielen Plünderungen hatten einen solchen Umfang angenommen, daß selbst der Waldherr dem Senat 1816 vorschlug, die Bauern vor­übergehend abgabenfrei zu stellen.

geschichte-06Nach Überwindung der Kriegsfolgen trat in unserer Gegend zu dem Fruchtanbau die Milchwirtschaft. Die Bauern produzier­ten jetzt nicht mehr ausschließlich für den Eigenbedarf, son­dern auch der baren Einkünfte wegen. Es entwickelte sich all­mählich ein gewisser Wettbewerb. Das wiederum bedingte mehr Hilfskräfte als früher. Für die Familien der eingestellten "In­sten" baute man Katen. Alle diese Maßnahmen kosteten je­doch Geld, das man zwar nicht hatte ansparen können, jetzt aber von wohlhabenden Privatleuten zu leihen vermochte. Denn diese brauchten um die Rückzahlung nicht mehr zu bangen. Sie ließen sich entsprechende Hypotheken auf den teilbaren bäuerlichen Anwesen eintragen. Das geschah in der Weise, daß beide Vertragsparteien beim Waldherrn erschienen und um Ein­tragung in das neuangelegte "Hypotheken-Buch der Walddörfer" nachsuchten.

So ist z.B. im Jahre 1824 beurkundet wor­den: "Es erklärt Hans Jacob Harder aus Volksdorf, daß er von Joch. Casp. Heins daselbst 1 250 Mark Courant als erstes Geld zu 3 1/2 % Zinsen aufgenommen habe und (dies) in seiner Voll­hufe eingeschrieben wünsche. Der gegenwärtige Heins hat sich (damit) zufrieden erklärt". Den Text habe ich wegen teil weiser Unlesbarkeit leicht umstellen und ergänzen müssen. Beide Männer waren, obwohl es bereits seit 1684 einen Schulmeister in Volksdorf gegeben hatte, schreibunkundig und haben ihre Unterschrift durch ein Kreuz symbolisiert. Eine zwei Jahre spä­tere Eintragung zeigt, daß z.B. auch die "Bergstedter Todtenla­de" Darlehen gewährt hat. In die hypothekarisch abgesicherte Geldleihe haben sich übrigens als erste die Banken geschäfts­mäßig eingeschaltet.

Das reine Bauerndorf begann sich damals zu wandeln. Erst­mals durften sich außer dem schon ansässigen Schmied ver­schiedene andere Handwerker in Volksdorf ansiedeln, die ih­rerseits kleine Grundstücke für ihre Werkstatt und Wohnung erwarben. Das Gasthofmonopol für den Bauernvogt entfiel, so daß weitere Bierlokale im Ort entstanden. Da auf dieser Weise in den Dörfern nicht mehr ausschließlich Selbstversorger leb­ten, und dort jetzt auch Geld vorhanden war, kamen die ersten Geschäftsleute, die Höker. Gab es vor der Verkoppelung 18 ein­heimische Familien, so erhöhte sich diese Zahl bis 1853 auf 79. Die angeführten strukturellen Veränderungen waren nach rund 50 Jahren vollzogen. Abschließend muß jedoch zur ge­rechten Beurteilung der zurückliegenden Epoche kritisch an­gemerkt werden, daß diese für etliche, aber nicht für alle Ein­wohner mehr Wohlstand gebracht hat.

Die Wurzeln für die geschilderte Entwicklung sind letztlich in der geistigen Bewegung der Aufklärung zu suchen. Da ihre Vertreter die Probleme des diesseitigen Lebens nach verstan­desmäßigen Erkenntnissen gelöst wissen wollten, setzten sie sich über eingefahrene Auffassungen und die vorgegebene Ord­nung hinweg. Sie ebneten damit den Weg für Reformen. Zu dieser Zeit konstituierte sich in Hamburg "zur Beförderung der Manufacturen, Künste und nützlichen Gewerbe" die noch heu­te bestehende Patriotische Gesellschaft, "deren Aufgabe es war, die Fortschritte der Intelligenz und Zivilisation, vorzüglich in technischer Hinsicht, zum Besten der Vaterstadt in Aufnahme zu bringen." Dieser Verein gründete 1778 zur Minderung der Armut die älteste deutsche Sparkasse, nämlich die sog. "Er­sparungs-Casse", die ihren Betrieb allerdings auf Anordnung der französischen Besatzungsmacht liquidieren mußte. Von der Nützlichkeit einer solchen Einrichtung überzeugt war der zu­nächst von den Franzosen eingesetzte und später vom Senat gewählte Bürgermeister Abendroth. Er regte die Gründung der Hamburger Sparcasse von 1827 an.

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Aus den Gründungsprotokollen der Sparkasse zitiere ich eini­ge der mir erwähnenswert erscheinenden Passagen:

"Die Sparcassen haben sich allenthalben, wo sie errichtet sind, als treffliche, höchst gemeinnützige Anstalten bewährt, als Anstalten, die ihren nächsten Zweck: der minder begüterten Volksclasse eine Gelegenheit an die Hand zu geben, kleine Einsparungen mit Sicherheit und Vortheil zu belegen, nicht nur vollkommen erreichten, sondern im Verfolge bei weitem mehr leisteten, als selbst die ersten Unternehmer derselben sich da­von versprochen haben.

Mag auch die Neuheit der Sache und der Reiz, ohne Mühe zu erwerben, in den meisten Fällen den ersten Antrieb zu Einla­gen geben, so hat doch die Erfahrung gelehrt, daß durch die Belegung selbst, der Sinn für Sparsamkeit erregt und unterhal­ten wird; und so erscheinen die Sparcassen überall, wo sie ein­gerichtet sind, als kräftige Schutzmauern gegen den Hang zu Zerstreuungen, den Sinnesgenuß und gegen alle die traurigen Folgen des so höchst schädlichen Leichtsinnes, der, unbeküm­mert um die Zukunft, Alles den Freuden des Augenblicks op­fert."

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"Einige unserer Mitbürger haben einen Plan dazu entworfen und denselben Einem Hochedeln und Hochweisen Rathe zur Prüfung vorgelegt. Derselbe ist, wie das bei Seinem bewährten Eifer für das wahre Beste unseres Freistaates sich erwarten ließ. auf die Sache eingegangen, hat den Entwurf mit einigen weni­gen, das Beste des Institutes noch befördernden Modificatio­nen genehmigt, und dabei erklärt, wie Er die Ausführung einer so wohlthätigen Sache mit großem Wohlgefallen ins Werk ge­setzt zu sehen wünsche, so daß dasselbe nunmehr begonnen und der Plan, nach welchem verfahren werden wird, zur Kennt­nis des Publicums gebracht werden kann."

"Die Sparcasse in Hamburg beschäftigt sich damit, Ersparnis­se, welche der weniger bemittelte Bürger und Einwohner ge­macht hat, anzunehmen, und solche zum Besten der Einleger und ganz unentgeltlich zu verwalten."

"Die Sparcasse wird administriert von dem Präses, 6 Directo­ren und 24 Verwaltern. Die besoldeten Officianten sind: ein Buchhalter und ein Bote."

"Der Einleger - die Person, welche Geld bei der Sparcasse nie­derlegt- erhält keinen andern Beweis oder Empfangsschein al das Contrabuch, welches er bewahren muß, und dessen Verlu oder Veräußerung den seines Rechtes auf das Eingelegte nach sich zieht.

Die Direction kennt keinen andern Gläubiger, als den Inhaber des Contrabuchs, und macht es in dieser Hinsicht keinen Un­terschied, ob der Einleger seinen Namen in dasselbe eintragen gelassen hat oder nicht."

"Der Präses asserviret die Kiste mit dem Gelde und den Docu­menten und den Schlüssel zu derselben."

"Die Sparcasse belegt ihre Fonds entweder bey einer von dem Staate garantirten Casse oder hypothekarisch in hiesigen und auf dem Gebiete der Stadt befindlichen Grundstücken. Die Di­rection hat auch die Befugnis, mit dem vorräthigen baaren Gelde zu discontiren".

Abschließend sei erwähnt, daß die Stadt zwar eine Anfangs­beihilfe von 3 000 Mark Courant gewährt, aber eine Garantie für die Einlagen abgelehnt hat. Sie stellte die Räumlichkeiten für die beiden ersten "Bureaus" im Stadt- und im Eimbeckschen Haus, beide am Neuen Wall gelegen, unentgeltlich zur Verfügung. Obwohl die neue Einrichtung "rur die unteren Volks­schichten" gedacht war, stellte sich schon bald heraus, daß die mittelständische Bevölkerung zahlenmäßig am stärksten ver­treten war und die meisten Spareinlagen geleistet hatte.

Die Landgemeinde Volksdorf

Trotz der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderun­gen sind den Bewohnern der hamburgischen Landgebiete jeg­liche Bürgerrechte noch für eine längere Zeit versagt geblie­ben. Der Senat konnte den neuen politischen Ideen nichts ab­gewinnen und nutzte jede Gelegenheit, die den deutschen Bun­desstaaten in Artikel 15 der Bundesakte von 1815 auferlegte "Iandständische Verfassung" zu verzögern. Erst 1835 anläßlich der Umwandlung der Wald- in die Landherrenschaft erfullte er die ihm abverlangten Mindestvoraussetzungen. Die zugelasse­ne Neuerung bestand hauptsächlich darin, daß der einstige "Bau­ernvogt", der die obrigkeitlichen Anordnungen durchzusetzen hatte, nunmehr ein rur 6 Jahre bestellter "Dorfvogt" war, der zusammen mit 2 Deputierten die staatlichen und dörflichen Belange vertreten sollte. Das war eine recht undankbare Auf­gabe und ließ eine vernünftige Verwaltung nicht zu. Erst auf Drängen der Bürgerschaft wurden die Dörfer laut der "Land­gemeindeordnung von 1871" selbständige Kommunen mit ei­genen Haushaltsmitteln. Alle Hufner besaßen kraft ihres Be­sitzstandes ein Stimmrecht in der "Gemeindeversammlung". Die Brinksitzer und Anbauern sowie die übrigen Einwohner konnten sich nur durch je vier gewählte Vertrauensleute im Ortsparlament vertreten lassen. Wählen durften lediglich "männliche volljährige Gemeinde-Angehörige, welche nicht in anderer Kost und Lohn" standen, und ferner blieben ausdrück­lich die "Frauenzimmer" vom Wahlrecht ausgeschlossen. Die Gemeindeversammlung ihrerseits kürte aus ihrer Mitte den "Gemeindevorsteher" und zwei weitere Vorstandsmitglieder. Kaum war im Dorf die eine Entwicklung abgeschlossen, bahn­te sich schon die andere an. Der erfolgreiche Kaufmann Hein­rich Ohlendorff pachtete von der Stadt die Jagd in der Volks­dorf er Gemarkung und begann ab 1870 damit, zunächst einzel­ne Flurstücke und später Halb- und Vollhufen aufzukaufen. Anfangs mißtrauten ihm die Landeigner, weil sie ahnten, daß von diesem Mann neue Impulse ausgehen könnten, die sich auf das dörfliche Leben in einer nicht überschaubaren Weise auswirken. Diente der erste Grunderwerb seinem Jagdaufseher als Wohnhaus, so galten die nächsten Ankäufe einem mitten im Ort anzulegenden herrschaftlichen Sommer- und einem Gäste­haus mit großzügiger Parkanlage. Schließlich errichtete von Ohlendorff, der zwischenzeitlich geadelt worden war, aus Re­präsentationsgründen nebenan einen modernen landwirtschaft­lichen Gutsbetrieb und kaufte weiteres Land zu reinen Speku­lationszwecken. In der Tat gab er Volksdorf ein neues Gesicht und manch einem Einwohner Arbeit.

Dem ersten Bodenspekulanten folgten schon bald weitere. Et­liche Bauern, die es keineswegs nötig gehabt hätten, waren den Geldangeboten erlegen, weil sie sich von den Kapitalzinsen ein geruhsameres Leben versprachen. Ihre Rechnung ging je­doch nur in den ersten Jahren auf. Durch die Inflation nach dem I. Weltkrieg haben sie alles verloren. Eine Nachkommin eines ehemaligen Vollhufners klagte mir, daß ihre Eltern von der Beständigkeit ihres Reichtums so überzeugt waren, daß die Kinder nichts zu lernen brauchten. Durch diese fatale Fehlein­schätzung war sie als Tochter gezwungen, sich lebenslang ab­zuplagen, anfangs mit Melken in aller Herrgottsfrühe sowie am Nachmittag und späterhin bis ins Alter als Reinmachefrau. Auf diese Weise endete -jedenfalls teilweise- der Bauernstand in Volksdorf.

War unser Dorf bislang den meisten Großstädtern unbekannt geblieben, so änderte es sich, als man vor nunmehr rund 120 Jahren die Natur und ihren Erholungswert entdeckte. Dieser waldumgebene Ort lag für Wanderungen und Picknicks im Grü­nen nicht zu fern. Die wohlhabenden Hamburger kamen da­mals nicht nur sonntags massenweise mit ihren zwei- oder vier­spännigen Breeks angefahren, sondern manch einer von ihnen bevorzugte die Ruhe und mietete sich wochentags ein Zimmer in den wenigen Dorfgaststätten. Diese in Mode gekommene Touristikwelle nutzte der damalige Gemeindevorsteher Claus Ferck IV. und baute für seinen Zweitsohn das Restaurant und Hotel "Stadt Hamburg". Weitere auf den Fremdenverkehr zu­geschnittene Gasthäuser, z.B. "Friedenseiche", "Volksdorfer Park" und "Sieben Buchen", folgten. Wie sich zeigte, ließ sich plötzlich in Volksdorf Geld verdienen.

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Als Großgrundbesitzer war Heinrich von Ohlendorff daran in­teressiert, daß Volksdorf einen Bahnanschluß erhält. Schon 1885 war er bereit, Grund und Boden sowie 500 000.- Mark für eine Stichbahn entlang der Eulenkrugstraße bis an die Lübeck-Bü­chener-Eisenbahn beim Gut Stellmmor zur Verfügung zu steI­len. Er setzte sich bei der Gemeindeversammlung jedoch nicht durch. Ein Sinneswandel bei den dörflichen Vertretern ließ aber nicht lange auf sich warten. An einem erneuten Bahnprojekt wollten sie sich mit 30 000.- Mark beteiligen und das Geld durch eine Anleihe beschaffen. Verwirklicht worden ist letzt­endlich die elektrische Kleinbahn der Gebrüder Körting von Altrahlstedt über Volksdorf nach Wohldorf, die 1904 ihren Be­trieb aufgenommen hat und der größte Arbeitgeber in den Wald­dörfern war. Von den Bahnanlagen ist das Verwaltungsgebäude am jetzigen Wochenmarkt erhalten geblieben. Außerdem steht ein Triebwagen am Kattjahren auf dem Grundstück des Antiquitätengeschäfts von Kohmann.

Nach der Jahrhundertwende bis hin zum ersten Weltkrieg herrschte in Volksdorf ein friedfertiges Nebeneinander von land­wirtschaft- und handwerklichen Betrieben, soliden Eigenhäu­sern hiesiger Familien mit Stallungen für Schweine, Kaninchen und Hühner, großen Villengrundstücken wohlhabender Ham­burger und den ersten Wohnhäusern, die in späterer Zeit für Volksdorf typisch werden sollten und deren Eigner dem Mit­telstand zuzurechnen sind. Die Schulverhältnisse waren dage­gen trotz des 1891 fertiggestellten Neubaus auf dem Heidberg ausgesprochen dörflich geblieben. Der Hauptlehrer bestellte wie in alten Zeiten das ihm überlassene Gartenland, versorgte sei­ne Bienen, erhielt weiterhin sein Holz- und Torfdeputat und mußte mit einer entsprechenden Kürzung seines ohnehin bescheidenen Gehalts vorlieb nehmen. Seine Bareinnahmen ver­mochte er lediglich mit den ihm als Standesbeamten zufallen­den Gebühren gering zu mehren. Als er 1910 das von ihm über Jahre ausgeübte Amt eines Protokollführers in der Gemeinde­versammlung aufgegeben hatte und niemand diese Tätigkeit unentgeltlich übernehmen wollte, erhielt sein Nachfolger eine Jahresentschädigung von 30 Mark.

Aus heutiger Sicht hat die Kleinbahn wesentlich dazu beige­tragen, daß die von den Bodenspekulanten beeinflußte Gemein­deversammlung aus dem einst ärmlichen Volksdorf einen be­vorzugten Wohnort in Nähe der Großstadt Hamburg hat ma­chen können. Die Ortsvertreter haben dieses Ziel konsequent verfolgt. So haben sie sich z.B. eine lange Zeit dagegen ge­wehrt, daß die Neubürger Wegebaukosten zahlen sollten, weil sie befürchteten, daß "gutsituierte Bauwillige, welche beab­sichtigen, sich hier anzukaufen, sich zurückziehen und aufpreu­ßischem Gebiet bauen, wo man derartige Clauseln nicht kennt, und dadurch die gute Steuerkraft verloren geht". Mit ähnlicher Begründung verhinderten sie 1907 die Errichtung einer Lun­genheilstätte. Nach dem ihnen dabei behilflichen Senator Holthusen benannten sie aus Dankbarkeit eine der ersten neuen Wohnstraße. Sie kämpften jahrelang bei der Landherrenschaft um den im Jahre 1913 verabschiedeten Bebauungsplan, durch welchen sowohl eine kleinliche Zersiedelung als auch eine Massivbebauung verhindert werden konnte. Diese Leitlinien sind dafür mitursächlich geworden, daß aus den einzelnen frü­her landwirtschaftlich genutzten Flächen zwischenzeitlich Ver­mögensobjekte geworden sind.

Wir danken Heinz Waldschläger für die Erlaubnis zur Veröffentlichung dieses Aufsatzes.

 

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