Stolpersteine

  Eine Mahnung in Stein ...
 

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In Hamburg erinnern, wie in vielen anderen Orten Deutschlands, kleine Gedenksteine an die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.

Das Projekt der Stolpersteine hat der Kölner Künstler Gunter Demnig 1995 ins Leben gerufen. Seit dem Jahre 2002 liegen diese Steine in ständig wachsender Zahl auch in Hamburg. Wir stellen hier die Stolpersteine  von Volksdorf und Umgebung und die dazu gehörenden Biographien vor.

Für die unten stehenden Beiträge bedanken wir uns bei Dr. Eva Lindemann und Ursula Pietsch, die zusammen mit Klaus Pietsch die Geschichte Volksdorfs für die Jahre 1933-45 erforschen und veröffentlichen.

Weitere Information zum Projekt und den Steinen finden Sie auf der Internetseite Stolpersteine-Hamburg


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Seit Januar 2008 sind zahlreiche Ausgaben der Schriftenreihe "Stolpersteine in Hamburg – Biographische Spurensuche" erschienen. Die einzelnen Bände dieser von der Landeszentrale für politische Bildung herausgegebenen Schriftenreihe beschäftigen sich mit Lebensgeschichten jener Opfer für die in den Hamburger Stadtteilen bisher Stolpersteine verlegt wurden (siehe Literatur auf www.stolpersteine-hamburg.de).   buchtitel

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Auf den Spuren der Stolpersteine...
- eine geführte Tour im Jahr 2010

 

Am vergangenen Sonnabend traf sich eine kleine Gruppe von interessierten Volksdorfern zu einer Fahrradtour, die zu den verschiedenen Stolpersteinen in Volksdorf führte. Der Ausgangspunkt war die Horstlooge, wo vor dem Haus Nr. 35 vier Steine liegen. Diese Stolpersteine erinnern an das Schicksal von Dr. Theodor und Clara Tuch, Gustav Jordan und Gella Strehm.
Nachdem Ulla Pietsch und Dr. Eva Lindemann ausführliche Erklärungen zu den Einzelschicksalen gegeben hatten, ging es (im strömenden Regen) weiter zur Liebermann Villa (Im Alten Dorfe 61). Hier erinnert ein Stein an Robert Liebermann. Dieser Stein stellt insofern eine Ausnahme dar, als Robert Liebermann - im Gegensatz zu den meisten anderen - den Krieg überlebte.
Der nächste Ort, der angesteuert wurde, war das Walddörfer-Gymnasium. Dort liegt ein Stein, der an Herbert Pincus erinnert. Herbert Pincus war ehemals Schüler dieser Schule, bis er 1943 deportiert wurde. Die ausführliche Geschichte, die hinter diesem Schicksal steht, wurde von Klaus Pietsch erzählt, der hier auf die Gruppe gewartet hatte.
Schließlich wurden wieder die Fahrräder bestiegen und der letzte zurzeit verlegte Volksdorfer Stein angesteuert. Dieser liegt im Wulfsdorfer Weg vor dem Haus Nr. 79. Auch hier erzählten Frau Pitsch und Frau Dr. Lindemann wieder die schreckliche, zum Stein gehörende Geschichte des Alfred Schär.
Ein wurde noch ein weiterer Stein präsentiert. Dieser ist als Andenken an Dr. Max Fraenkel vorgesehen. Seine Verlegung im Mellenbergweg scheiterte allerdings bisher am Widerstand der dortigen Anlieger, wie Frau Pietsch dem Treffpunkt Volksdorf gegenüber äußerte.
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass es sich um eine sehr lehrreiche Reise in die Vergangenheit handelte. Bedauerlich ist nur, dass so wenige Volksdorfer daran teilgenommen haben. Dies liegt allerdings wohl eher daran, dass der Termin vorher nicht bekannt genug gewesen ist. Spätere Führungen dieser Art werden hier beim Treffpunkt rechtzeitig angekündigt werden.

   

 

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Robert Salomon Liebermann
geb. 22.5.1883 in Hamburg
1941 hier vertrieben
1966 gestorben.
Stolperstein: Im alten Dorfe 61

Eigentlich erinnern Stolpersteine an Menschen, die während der NS-Zeit ermordet wurden oder in den „Freitod“ gingen. In Ausnahmefällen allerdings verlegt der Künstler Gunter Demnig auch Steine für Personen, die einen besonderen Leidensweg gehen mussten, wie hier für Robert Liebermann
1917 erwirbt der Hamburger Bankier Friedrich Salomon Liebermann das Grundstück „Im alten Dorfe “ 61 mit dem heutigen um 1912 erbauten Jugendstilhaus.
Sein Sohn Robert studiert Maschinenbau in München und nimmt als Artillerieoffizier am Ersten Weltkrieg teil. Für besondere Verdienste bekam er mehrfach Auszeichnungen, die ihm viel bedeuteten. Während eines Lazarettaufenthaltes lernt er die nichtjüdische Krankenschwester Annemarie Stampe (* 1893) kennen. Das Paar heiratete und zieht mit dem 1919 geborenen Sohn Rolf in die elterliche Villa nach Volksdorf.
Robert und Annemarie Liebermann fühlen sich in ihrem Vaterland fest verwurzelt. Dazu mag beigetragen haben, dass die weit verzweigte Familie so illustre Namen aufweist wie den Maler Max Liebermann (1847-1935) und den später berühmten Komponisten und Intendanten der Hamburger Staatsoper Rolf Liebermann (1910- 1999).
In der Weltwirtschaftskrise verliert Robert Liebermann seine berufliche Existenzgrundlage, weil seine Firma Konkurs macht. So vermieten Liebermanns die Parterre-Wohnung der Villa. Vor dem Haus gibt es ab Mitte der Dreißiger Jahre wiederholt Randale und Geschrei. Der Mob in brauner Uniform kommt herein und verwüstet die Bibliothek.
Ein Lichtblick: Dr. Thilo, der neue Mieter, lässt Liebermanns nicht allein. Wenn die Gestapo nachts zur Hausdurchsuchung erscheint, steht er mit auf und machte den Eindringlingen klar, dass er ihr Tun missbilligte.
Im November 1938 findet sich Robert Liebermann als „Schutzhaftgefangener“ im KZ Sachsenhausen wieder. Häftlinge über 50 Jahren werden nach einigen Wochen wieder entlassen. Die Hausgemeinschaft in der Villa verändert sich: Robert Liebermann richtet eine Art Pension ein, in der jüdische Familien die Zeit vor ihrer Emigration nach England überbrücken
Der eigene Sohn Rolf, in der Terminologie der Nationalsozialisten Mischling ersten Grades, macht am Johanneum in der Innenstadt Abitur. Um sich schützend vor seinen jüdischen Vater zu stellen, meldet er sich sofort zum Militärdienst. Doch dem NS-Denken entsprechend ist er als Halbjude „wehrunwürdig“. Nach erfolgreich abgeschlossener Lehre als Flugzeugbauer bei Blohm & Voss, darf er doch in den Krieg ziehen. Rolf L. fällt am 25.4. 1942.
Seit dem 1. Januar 1939 müssen alle männlichen Juden zusätzlich den Vornamen Israel tragen. Robert Liebermann weigert sich. Dies bringt ihm Anfang 1941 erneut mehrere Wochen „Schutzhaft“ im Polizeigefängnis und KZ-Fuhlsbüttel ein.
Im selben Jahr beginnt die Stadt Hamburg, Druck auf die jüdischen Hausbesitzer auszuüben, um sie dazu zu bringen, ihr Eigentum unter Preis der Stadt zu übereignen. Robert Liebermann versucht Villa und Grundstück auf Rolf zu übertragen. Da die Gemeinde Volksdorf jedoch bereits selbst auf die Immobilie „Im alten Dorfe“ reflektiert, scheitert dies. Im selben Jahr ziehen Liebermanns aus; sie hatten einen Bruchteil des Preises bekommen, den der Vater 1917 gezahlt hatte. 7500 RM davon gingen als „Reichfluchtsteuer“ auf das Sperrkonto „Robert Israel Liebermann“.
Von Mai 1943 bis Mai 1945 zeigt sein „Arbeitsbuch“, mit einer Unterbrechung im Herbst 1943, dass Liebermann Zwangsarbeit leisten muss. Nach dem Kriege bietet man Liebermanns das Haus „Im alten Dorfe“ 61 wieder an. Doch nach all dem, was geschehen war, wollen sie nicht zurückkehren. Sie werden mit einem Haus am Volksdorfer Damm „entschädigt“, ziehen aber selbst in den Sarenweg in Ohlstedt.
Das Grab des Ehepaars Liebermann befindet sich auf dem Friedhof Wohldorf.
Obwohl das Haus „ Im Alten Dorfe 61“ seit 1941 der Stadt Hamburg gehörte, die es an die Polizei weitervermietet hatte, spricht man in Volksdorf immer noch von der „Liebermann-Villa“. Anfang 2008 ist die Polizeidienststelle ausgezogen. Die Hansestadt Hamburg hat den Großteil der Immobilie danach profitabel veräußert. Das Schicksal der inzwischen unter Denkmalschutz gestellten Jugendstilvilla auf dem winzigen verbliebenen Restgrundstück ist dadurch, sechzig Jahre nach der Zwangsenteignung, erneut fragwürdig.

Text: Dr. Eva Lindemann
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Dr. Max Fraenkel
geb. 7.1.1882
Freitod 21.3.1938

Stolperstein: Mellenbergweg 55

Max Fraenkel entstammt einer Arztfamilie aus Schlesien, die bei ihrer Übersiedelung nach Hamburg den jüdischen Glauben abgelegt hatte und seither ihre Kinder evangelisch taufen ließ.
Auch Max Fraenkel studiert Medizin. Als Oberstabsarzt nimmt er am Ersten Weltkrieg teil. Auf seine Uniform und das „Eiserne Kreuz 1. Klasse" ist er stolz.

Die Praxis des Nervenarztes liegt in der Dammtorstraße. Privat wohnt er mit seiner Frau Lotte, geb. Sperber, am Mellenbergweg in Volksdorf. Das Ehepaar führt ein offenes Haus, das nicht nur den eigenen Töchtern Musikunterricht ermöglicht, sondern ebenso andere Kinder dazu einlädt.

Nach Dienstschluss kümmert Fraenkel sich häufig um junge Patienten im „Erlenbusch", einer Volksdorfer Einrichtung für behinderte Kinder, deren Leiterin Hilde Wulff in der Nazizeit auf einen Kreis von verdeckten Unterstützern und Helfern angewiesen ist.
Max Fraenkel zählt in mehrfacher Hinsicht zu diesen Helfern.

Er selbst - im Sinne der Rassenideologie als „jüdischer Arzt" registriert - wird in seiner Berufsausübung immer weiter eingeengt und schließlich mit totalem Berufsverbot belegt.

Aus Verzweiflung erschießt er sich am 21. 3. 1938 in seinem Haus am Mellenbergweg.

Text: Ursula Pietsch
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Herbert Pincus
geb. 6.11.1920
deportiert am 8.11. 1941 nach Minsk

Stolperstein: Im Allhorn 45
auf dem Schulhof des Walddörfer Gymnasiums


1931 beschließt das Ehepaar Ignatz und Therese Pincus aus der Isestraße ihren elfjährigen Sohn Herbert auf die moderne Walddörferschule in Volksdorf zu schicken. Wohnen kann er bei dem Lehrer Grimmelshäuser, Im Allhorn 64. Als dieser 1933 umgehend der NSDAP beitritt, setzt er den „Judenbengel" vor die Tür und Herbert wird Fahrschüler.
Obwohl er gut in die Klassengemeinschaft integriert ist- wie seine Klassenkameraden heute noch bestätigen - ist er von den allmählichen politischen Veränderungen, die auch vor der Schule nicht Halt machen, betroffen. Als nicht in der HJ (Hitlerjugend) Organisierter bekommt Herbert mit anderen Schülern samstags politischen Nachhilfeunterricht, während das Jungvolk und die Jungmädel außerhalb der Schule „Dienst tun".
Als Herbert nach den Sommerferien 1935 nicht wieder auftaucht, weiß nur seine Klassenkameradin Gerda den Grund: Herbert plant mit den Eltern nach England auszureisen.
In Wirklichkeit beginnt er eine kaufmännische Lehre und bereitet seine Auswanderung nach Schanghai vor. Einen Berg bürokratischer Hürden haben die Nazis vor jedem Auswanderungswilligen aufgetürmt. Es geht vor allem um Nachweise, ob das ganze Unternehmen auch finanziell abgesichert ist. Schließlich hat Herbert alles beisammen. Ein Onkel finanziert die Schiffspassage. Die Genehmigung wird nach nochmaliger Überprüfung unterschrieben.
Doch am 22. 8. 1939 kommt ein neuer Aktenvermerk

RM 300 soll der Onkel noch ausspucken, dann soll es gut sein!

In diesem Vermerk liegt das Todesurteil über den 19jährigen Herbert, denn diese Summe kann der erwerbslose Herbert nicht aufbringen und am 1. September bricht der Krieg aus. Nun darf kein Jude mehr ausreisen.
Im November 1941 erhält die ganze Familie den Evakuierungsbefehl nach Minsk, wo ihre Spur sich verliert.

50 Jahre später erinnern sich die ehemaligen Klassenkameraden an ihren Mitschüler Herbert. Nachträglich erforschen sie sein Schicksal und fügen seinen Namen ein auf der Gedenkwand des Walddörfer-Gymnasiums für die Opfer von Krieg und Gewalt.


Text: Ursula Pietsch
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Alfred Conrad Friedrich Schär
geb. 5.8.1887
ermordet im KZ Fuhlsbüttel am 13.7.1937

Stolperstein: Wulfsdorfer Weg 79

Der Taubstummenlehrer Alfred Schär und seine Frau, die Lehrerin Antonie, gründen Ende der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts mit einer Gruppe gleichgesinnter Familien aus dem Kollegenkreis eine kleine genossenschaftlich organisierte Siedlung. In vier Doppel- und zwei Einzelhäuser mit Gartenland und privatem Kindergarten leben sechs Familien und teilen einen Brunnen, die Kläranlage und einen 1500qm großen Spielplatz.
Ehrenamtlich engagiert sich Alfred Schär in der Gemeindeversammlung Volksdorf als SPD-Vertreter. Nach 1933 zerbricht die Idylle. Am 13. August 1934 kommt es bei den Schärs und ihrem Nachbarn, dem pazifistisch engagierten Helmut Hertling Schär zu Hausdurchsuchungen durch die Gestapo wegen des „Verdachts staatsfeindlicher Umtriebe". Obwohl nichts Verdächtiges gefunden wird, folgen weitere Denunziationen aus dem Wohnumfeld. Schärs Aufnahme von Untermietern jüdischer Herkunft wird als „starke Zumutung" ausgelegt. Ein solcher „Volksgenosse" dürfe keine deutschen Kinder erziehen. Nachbarn in Volksdorf halten eine Kundgebung ab, auf der eine Rede über das Thema „Der Jude als Feind der Volksgemeinschaft" gehalten und Schär heftig angegriffen wird.
Schär geht seiner Tätigkeit als Taubstummenlehrer nach, die ihn zunehmend psychisch belastet, denn seit September 1934 wird er als Dolmetscher für Gehörlose zum „Erbgesundheitsgericht" berufen. Dort vernimmt man „Erbkranke" im Sinne der Nationalsozialisten nach dem „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses". Wenn vermutet wird, dass es sich um einen erblichen Hörschaden handelt, ist die Zwangssterilisation vorgesehen.
Alfred Schär lehnt die Unterordnung unter das NS- Regime von Grund auf ab.
So arbeitet er weiter im seit 1933 verbotenen „Internationalen Sozialistischen Kampfbund" (ISK) mit. Trotz großer Vorsicht und Einhaltung der Grundregeln konspirativer Tätigkeit, deckt die Gestapo die Organisation auf: „Im März 1936 wurde der ISK-Funktionär Hans Prawitt von der französischen Polizei an die Deutschen ausgeliefert, Der 22-Jährige wurde misshandelt und brach psychisch zusammen. Es war für die Gestapo ein leichtes, die Namen der führenden Funktionäre und die internen Verbindungen aus ihrem Opfer herauszuholen. Eine Verhaftungswelle rollte durch das Reich. Allein in Hamburg wurden 30 ISK-Mitglieder festgenommen, unter ihnen Alfred Schär."
Schär wird der „Beihilfe zum Hochverrat" bezichtigt. Am 10. Februar 1937 holt ihn die Gestapo zur „Vernehmung" ab und bringt ihn in das Konzentrationslager Fuhlsbüttel. Nach Mitteilung der Gestapo soll er sich am 13. Februar 1937 in seiner Zelle erhängt haben.
Die Gestapo untersagt die Beerdigung auf dem Friedhof Bergstedt. Die Familie darf nicht von dem Toten Abschied nehmen. Kurz vor der Trauerfeier in Ohlsdorf droht die Gestapo Alfreds Bruder Hans Schär damit, das Krematorium räumen zu lassen, falls der Andrang der Trauergäste nicht umgehend aufhöre.
„Nach Alfred Schärs Tod 1937 lastete dieser Mord wie ein dunkles Geheimnis auf den Kindern der Siedlung, mit denen die Erwachsenen kaum darüber sprachen", so die Erinnerung eines damaligen Kindes der Siedlungsgemeinschaft.

Der Nachbar Helmut Hertling setzt Ende der 50ger Jahre zur Erinnerung an Alfred Schär einen Stein auf dem ehemaligen Spielplatz der Siedlung.
1964 wird in Hamburg-Lohbrügge eine Straße nach Alfred Schär benannt.

(Veröffentlicht in: A. Louven /U. Pietsch, Stolpersteine in Hamburg-Wandsbek mit den Walddörfern, hrsg. von der Landeszentrale für pol. Bildung, S. 155 ff.)

Recherche: Ursula Pietsch und Dr. Eva Lindemann
Text: Dr. E. Lindemann

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Gustav Jordan
geb. 13.8.1869 in Hechingen
am 19.7. 1942 nach Theresienstadt deportiert, in Treblinka ermordet.




Dr. Theodor Tuch
geb. 20.4. 1865 in Hamburg
deportiert am 19.7. 1942 nach Theresienstadt, in Treblinka ermordet.



Clara Tuch, geb. Levie
geb. 12.5.1875 in Hamburg
deportiert am 19.7. nach Theresienstadt, in Treblinka ermordet.




Gella Auguste Streim
geb. 16.12. 1881 in Hamburg
deportiert am 25.10.1941 nach Lodz, ermordet in Chelmno.



Stolpersteine: Horstlooge 35

Als der Witwer Gustav Jordan 1933 seinen Kaffeegroßhandel in der Hamburger Innenstadt aufgeben muss, zieht er sich in die dünnbesiedelte Horstlooge zurück in der Hoffnung, hier unauffällig leben und sich um seinen großen Garten kümmern zu können.

Da er jedoch der Deutsch-Israelistischen Gemeinde, Hamburg angehört , werden andere Hamburger jüdischen Glaubens zwangsweise in sein Haus eingewiesen. In Volksdorf spricht man fortan von dem „Judenhaus".
Es beherbergte eine vierköpfige Notgemeinschaft, die von 1939 bis 1941 besteht.
Mit dem ersten Deportationstransport, der von Hamburg aus nach Osten geht- er bleibt mit 1034 Menschen auch der größte- verlässt zunächst die Lehrerin Gella Streim am 25. Oktober 1941 die Horstlooge.

Eine Postkarte, die Clara Tuch ihr in das Ghetto Lodz schreibt,
kommt zurück in das „Judenhaus" mit dem postalischen Vermerk
Zurück. In der Straße des Empfängers findet z. Z .keine Postzustellung statt.
Die Karte nimmt dem Ehepaar Tuch und Gustav Jordan die letzten Illusionen darüber, was die Nazis mit den Juden vorhaben. Theodor Tuch beginnt sofort, ein Tagebuch für seine ausgewanderte Tochter Edith zu schreiben. Dazu verbleiben ihm nur noch sieben Monate . Auf den 50 Seiten eines alten Schulhefts lässt er uns ahnen, wie das „Leben" eines alten jüdischen Ehepaares in den Wintermonaten 1941/42 in unserem Stadtteil ausgesehen haben muss.
Als Tuchs den „Deportationsbefehl" erhalten, schicken sie sofort die kostbaren Aufzeichnungen an „arische" Verwandte in Berlin, die sie nach Kriegsende an die Tochter Edith Blumenfeld in den USA weiterleiten.
Theodor Tuchs Aufzeichnungen sind erhalten und stellen ein einmaliges Dokument für Volksdorf und die Zeit 1939-1942 dar.

(Veröffentlicht in: A. Louven /U. Pietsch, Stolpersteine in Hamburg-Wandsbek mit den Walddörfern, hrsg. von der Landeszentrale für pol. Bildung, S. 168 ff.)


Text: Ursula Pietsch
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- Gustav Jordan
- Dr. Theodor Tuch
- Clara Tuch
- Gella Auguste Streim
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...und in der Nähe von Volksdorf

   
Chaja Rywa Balck
geb. Skop am 22.4.1895 in Diewin
am 11.7. 1942 deportiert nach Auschwitz

Stolperstein: Lottbeker Weg 24 in Wohldorf-Ohlstedt

Über Chaja Rywa Balck wissen wir bisher wenig. Sie ist Mitglied der Deutsch Israelitischen Gemeinde Hamburgs und mit dem evangelischen, "arischen" Paul Balck verheiratet. Die Ehe ist kinderlos.

Damit lebt sie in einer „priviligierten Mischehe", deren Schutz mit dem Tod ihres Mannes entfällt, deshalb wird sie nun auch nicht mehr von der Deportation zurückgestellt. Bei ihrer Ankunft in Auschwitz ist sie 47 Jahre alt.
Dass die Wohnung „der Jüdin Balck" nun leer steht bleibt den Ohlstedtern nicht verborgen. Dies belegt die schriftliche Anfrage einer Frau an Wilhelm Jordan, den Chef der „Dienststelle für die Verwertung eingezogenen jüdischen Vermögens".


Text: Ursula Pietsch
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Walter Bunge
geb. 1898 in Halle an der Saale
am 27.11.1944 im Zuchthaus Brandenburg-Görden hingerichtet
Stolperstein: Pusbackstr. 38 in Hamburg Meiendorf

Walter Bunge, beginnt nach der Volksschule er eine Schlachterlehre. Im Ersten Weltkrieg meldet er sich freiwillig zum Heer. Als Kriegsgegner kehrt der Zwanzigjährige aus Belgien zurück. Ein Kopfschuss hat sein rechtes Auge zerstört, seine Kopfschmerzen werden ihn das ganze Leben lang nicht mehr verlassen.
1919 lernt Walter Bunge Anna Zucker kennen. Beide treten 1919 der SPD bei und wechseln 1923 zur KPD. Das Paar siedelt in der Pusbackstr. in HH-Rahlstedt. Walter Bunge wird dort Gemeindevertreter seiner Partei. Daneben berät er Leidensgenossen, die sich mit der Behördenbürokratie um ihre Kriegsrente streiten. Als Vorstandsmitglied im „Internationalen Bund der Opfer des Krieges" nimmt er 1931 an einer Studienreise in die Sowjetunion teil.

Kurz vor der Reichstagswahl, am 5. März 1933, beginnt die lange Reihe von Walter Bunges Gefängnisaufenthalten.
Eineinhalb Jahre Haft bringt ihm 1935 die illegale Aufnahme und Versorgung eines Antifaschisten ein, dessen Namen er nicht preisgeben will.
Auch Anna Bunge wird in dieser Zeit wegen „Vorbereitung zum Hochverrat" zu 16 Monaten Gefängnis verurteilt.

Als seine Kriegsversehrtenrente halbiert wird, müssen sich Bunges nach einer neuen Existenzgrundlage umsehen. Walter Bunge richtet eine Süßmosterei ein. Während der Arbeit spricht er freimütig über seine antifaschistische und kriegsfeindliche Einstellung gegenüber Nachbarn und der eigenen Familie. Dies kommt seinem linientreuen Bruder in Berlin zu Ohren, der ihn denunziert. Im Juli 1942 erneute Festnahme.
Die Anklage des Volksgerichtshofes in Berlin lautet nun: „Vorbereitung zum Hochverrat" und „Wehrkraftzersetzung". 1943 wird Walter Bunge zum Tode verurteilt.
Während ihr Mann im Zuchthaus Brandenburg/Görden Tag und Nacht gefesselt in der Zelle liegt, setzt Anna Bunge alles in Gang, um ein Wiederaufnahmeverfahren zu erwirken.
Dazu reicht sie beim Gericht 65 Leumundszeugnisse für ihren Mann ein.
Kriegsbedingt findet die zweite Hauptverhandlung jedoch erst am 20.Oktober 1944 statt. Das Verfahren unter der Leitung des Volksgerichtshofpräsidenten Dr. Freisler gegen Walter Bunge könnte einem Lehrbuch für NS - Justiz entstammen. Aus der Begründung des Oberstaatsanwalts Wittmann:
„Bunges Verschulden ist zwar nicht erwiesen, aber auf Grund seiner politischen Vergangenheit ist es ihm zuzutrauen."

Walter Bunge wird mit 46 Jahren enthauptet.
Anna Bunge wohnt bis zum Schluss an der Pusbackstr. und stirbt erst am 11. August 1967.
Als in den achtziger Jahren ein neuer Eigentümer des Grundstücks das letzte Gebäude aus der Bungezeit, den Hühnerstall, abreißt, fördert er umfangreiche politische Dokumente zu Tage, die Walter Bunge dort irgendwann im doppelten Boden versteckt haben muss.

Text: Dr. Eva Lindemann
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Dr. Alwin Cäsar Gerson
geb. am 24.8.1866 in Hamburg-Rotherbaum,
gestorben am 11.4. 1943 in Theresienstadt

Stolperstein: Schleusenredder 23 in Wohldorf/Ohlstedt

Mit seinem Berufswunsch Arzt zu werden, nimmt Alwin Gerson eine lange Familientradition auf: Seit dreihundert Jahren gibt es in Hamburg und Altona jüdische Ärzte mit diesem Namen. Der junge Medizinstudent Alwin Gerson ist allerdings nicht mehr Mitglied der jüdischen Gemeinde. Seine Eltern haben ihren Sohn taufen lassen.
Vor seiner Approbation schließt er noch beim Infanterieregiment 76 seine Militärzeit ab, an die er Zeit seines Lebens gern zurückdenkt.
Seit dem Jahr 1900 praktiziert er als Landarzt in der kleinen Gemeinde Wohldorf. Mit seiner Frau Elsa, geb. Behrmann, und den Kindern Alwin Cäsar Joachim und Elsa bewohnt er das letzte Haus direkt am Waldrand in der Straße Schleusenredder.
Dr. Gerson versorgt ein riesiges Einzugsgebiet. Seine Hausbesuche erledigt er pr. Fahrrad, wobei seine korpulente Gestalt und die flatternden Rockschöße des Mantels eine skurriles Bild abgeben. Die Landbevölkerung mag ihren „Bauerndoktor", wie er sich selber nennt. Er gehört richtig dazu, wozu er selbst durch seine Mitarbeit in der Gemeinde- vertretung und als Vorsitzender des Wohlfahrtsamtes Wohldorf beiträgt.
Und trotzdem treffen ihn die „Nürnberger Rassegesetze":1935 darf er nicht mehr Distriktsarzt sein, von der auf 100 RM reduzierten„Gnadenrente" kann er kaum leben, obwohl er inzwischen zur Untermiete wohnt und der Wirt der „Kastanie" ihn regelmäßig zum Mittagessen einlädt.
Als er 1940 aus Gefälligkeit einem alten Freund ein Rezept ausstellt, wird der 75 jährige Arzt denunziert und mit einer harten Geldstrafe belegt.
1942 muss Gerson im Zuge der „Konzentrierung" der Hamburger Juden in ein „Judenhaus in der Stadt ziehen(vgl. den Stolperstein in der Schäferkampsallee 29).
Dort erreicht ihn der Deportationsbefehl für den Transport nach Theresienstadt am 24. Februar 1943.Wenige Wochen später stirbt Alwin Gerson.

Recherche: Astrid Louven
Text: Ursula Pietsch
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Georg Mewes
geb. 7. April 1909 in Hamburg
gest. 2.1.1944 im Buchenwald.

Stolperstein: Hasselwisch 5 in Hamburg Ohlstedt

Georg Mewes, Sohn eines Gutsverwalters in Wohldorf-Ohlstedt studiert nach dem Abitur an der Lichtwarkschule ab 1929 Architektur in Stuttgart und Berlin. 1938 heiratet er seine Kommilitonin, die Deutsch-Amerikanerin Isolde Berger.

1939 gestaltet er den deutschen Beitrag auf der technischen Weltausstellung in Brüssel und arbeitet als Bauleiter in Österreich. 1940 muss er, gegen seinen Willen nach Norwegen versetzt, militärische Bauprojekte durchführen. 1942 stürzt er bei einer Exkursion mit dem Flugzeug ab. Er kommt er in das Lazarett Nikolassee in Berlin.

Als er sich zur Rekonvaleszenz bei seinen Eltern in Ohlstedt aufhält und beginnt, seine Freunde und Verwandten vor dem Nationalsozialismus zu warnen, kommt es zur Denunziationen aus der Nachbarschaft.

1943 wird er unter „Spionageverdacht" festgenommen und in das Konzentrationslager Fuhlsbüttel gebracht. Eine Rolle spielt vielleicht auch sein Kontakt zum Schweizer Gesandten in Berlin, dem er seine Auswanderungspläne anvertraut hat. Ohne Anklage, Prozess oder Verurteilung kommt Georg Mewes im November 1943 in das Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar.
Dort stirbt er angeblich an akutem Herzversagen. Im April 1944 wird die Urne mit der Asche von Georg Mewes auf dem Waldfriedhof Wohldorf-Ohlstedt beigesetzt. Im Dezember 1946 veranstaltet der Verein der Verfolgten des Naziregimes eine Gedenkfeier für Georg Mewes.

Recherche: Marina Dietz, Johanna Geyer und Josephine Lindemann, die hierfür 2010 den Bertini-Preis erhielten

Text: Dr. Eva Lindemann
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